Antilopen Gang: Abruch Abruch / Review (Gastbeitrag)

Das neue Album der Antilopengang ist gewohnt ungewohnt. Die drei Ruhrpott-Rapper sticheln darin gegen die Szene und bringen Themensongs mit unkonventionellen Meinungen. Dabei bleibt man jedoch selbstreflektiert und typisch ironisch. Pit vom VOLUME Magazine hat sich für uns “Abruch Abruch” einmal genauer angeschaut.


Ein paar Wochen ist es bereits her, dass Koljah, Panik Panzer und Danger Dan ihren neuen Longplayer „Abbruch Abbruch“ veröffentlicht haben. Es kommt dabei drei Jahre nach ihrem letzten Album “Anarchie und Alltag”. Mit 14 Tracks hat das Ding wieder eine starke Spiellänge von 55 Minuten, veröffentlicht wird wie gehabt unter dem Label JKP der Toten Hosen. Soweit zu den hard facts.

Das Album beginnt mit dem Song „2013“. Hier wird erst einmal aufgeräumt. Das Jahr markiert eine Zäsur in der Geschichte der Band. Werdegang und Entwicklung werden Revue passiert; es geht um Beziehungsdramen, den Tod des ehemaligen Gang-Mitglieds Jakob (NMZS) und den Folgen davon.

„Eine Stunde nach der Show liegt ein Security schon auf dem Boden

Antilopen-Hausverbot, Antilopen rausgeflogen

Antilopen, Antilopen, so eine Schande

Unsre Körper sehen aus wie Anti-Drogen-Kampagnen

Es gibt nur zwei Modi: Traurig oder taub

Hauptsache, keine Pause machen − lauf, Lopi, lauf“

Danger Dan, “2013”

Der Song ist ein klares Statement. Ein Album mit so ernstem Realtalk zu beginnen ist riskant, doch es funktioniert. Nach diesem emotionalen Prolog geht es fließend weiter in das Jahr 2020: Die melancholische Klaviermelodie im Outro verschwimmt immer mehr, bis sie schlagartig elektronisch wird, Scratches kommen dazu und ehe man sich versieht, befindet man sich im Intro von „Der Ruf ist ruiniert“. Der zweite Song des Albums ist quasi der erste richtige. Im Hier und Jetzt angekommen thematisieren die Rapper ihr aktuelles Standing in der Szene (nicht ohne sich natürlich von dieser abzugrenzen).

„Und irgendwas läuft falsch, wenn dich auf Festivals als Band

Plötzlich keiner mehr kennt in diesem Backstagezelt

Alles Opfer, keine Lust auf Schulterklopfer

Ich sitze glücklich in der Ecke mit ‘ner Pulle Vodka“

Panik Panzer, “Der Ruf ist ruiniert”

Abgesehen von den Scratching-Geräuschen ist das Soundbild hier ziemlich modern: Trap-Bass und gesampelte HiHat bestimmen das Instrumental. Der Beat ballert – nicht zuletzt auch wegen der knallenden Snare. Später wird die für die Band typische hochgepitchte Stimme eingesetzt; Auto-Tune wird hingegen nur sehr vereinzelt in der Backup-Stimme verwendet. Alt trifft Neu.

Humoristisch geht man auf die eigene Entwicklung zur vermeintlichen ehrenlosen „persona non grata“ ein: Früher Punk, heute gemäßigte Kommerz-Musiker, die sich dem System beugen.

„Unsere Fans sind nicht mehr die Zecken von früher

Unsere Fans sind SPD- und Grün-Wähler

Ich fliege aus meiner Anarcho-Stammkneipe raus,

Denn ich seh’ nicht mehr wie ein verwahrloster Landstreicher aus“

Danger Dan, “Der Ruf ist ruiniert”

Ähnlich hat man schon 2014 in dem Song „Die neue Antilopengang“ gesprochen. Nichtsdestotrotz zeichnet das Draufgängerische die drei Rapper weiterhin aus – und das ist ihnen auch wichtig.

„Unsre Weste ist nicht weiß, sondern dreckig“

Panik Panzer, “Der Ruf ist ruiniert”

„Mir egal, es gibt keine schlechte Promo.

Für Leute, die sich auskenn’, ist meine Band ein No-Go“

Koljah, “Der Ruf ist ruiniert”

Gegen Burschenschaften, HipHop.de und SXTN

Auch im Song „Wünsch Dir nix“ wird ordentlich auf die Kacke gehauen. Auf einem Spätsommerflair-Instrumental rappt man mit interessanten Flowvariationen gegen Sixxton, HipHop.de, Polohemdträger und die allgemeine moderne Rapszene. Auch die eigenen Fans trifft es:

„Wär’n alle gleich, wär’ ich nicht Feminist

Und wenn ihr nicht so dumm wärt, wär’ ‘Pizza’ kein Hit“

Danger Dan, “Wünsch Dir nichts”

(„Pizza“ gehört mit „Fick die Uni“ zu den erfolgreichsten Songs der Antilopen Gang. Beide zeichnen sich durch inhaltlich relativ anspruchslose Belanglosigkeit aus)

Die Hook wird hier wieder gesungen; klingt schön und leicht melancholisch. Der Text bewegt sich die ganze Zeit im Konjunktiv. Neben amüsant stumpfen Lines („Wär’ ich Möbelstück, wär’ ich ein Kellerregal” oder „Hätt’ ich ein Eis, dann trüg ich’s als Hut”) geht es hier bis zu poetisch philosophischen Ansätzen, die zum Nachdenken anregen:

„Ich wär’ gern dumm, doch bin schlau, das ist blöd“

Koljah, “Wünsch Dir nix”

„Wär’ ich mal glücklich, dann wär’ ich nicht glücklich“

Koljah, “Wünsch Dir nix”

Besonders witzig finde ich das Stilmittel, eine Line im ersten Moment stumpfsinnig und inhaltslos wirken zu lassen, ihr dann aber im zugefügten Nachsatz eine Aussage zu verpassen.

„Hätt’ ich Puste, dann spielte ich Dudelsack –

nachts um vier vor der Tür vor der Burschenschaft“

Panik Panzer, “Wünsch Dir nix”

Ähnlich wurde das auch schon in „Der Ruf ist ruiniert“ gemacht.

„Rap für die Straße –

die zum Eingang der Elite-Uni führt“

Danger Dan, “Der Ruf ist ruiniert”

Für Trennungen und gegen Kiffen

Eine Reihe von Liedern des Albums sind reine Themensongs, die sich mit nahezu ausschließlich unkonventionellen Thematiken befassen. In „Bang Bang“ rappt man erzählerisch gehalten und sehr offen über das „Erste Mal“. Dabei findet man gute Worte. Einzig und allein die ironisch moderne Hook gibt dem eigentlich ernst gehaltenen Song eine witzige Note. Der Track „Trenn dich“ ist ein regelrechter Anti-Liebessong.  Etwas überzogen, doch im Grunde ernst gemeint, plädiert man hier „im Namen der Liebe für Trennung“. Das Ganze ist zwar ungewöhnlich, doch ergibt an sich erstaunlich viel Sinn.

„Liebe ist schon schwer, aber wie Beziehungen fair

Auseinandergehen habe ich in Liebesliedern nie gehört“

Danger Dan, “Trenn Dich”

Weitere Themensongs sind die Songs „Lied gegen Kiffer“, „Keine Party“ und „Zentrum des Bösen“ – allerdings mit einer deutlich stärkeren Portion Ironie. Das fängt im „Lied gegen Kiffer“ eigentlich noch relativ klein an. Bei diesem wichtigen Thema (unterschätze/kleingeredete Gefahren durch Cannabis) schlägt man zwar insgesamt einen harschen Ton an („Also Finger weg vom Gras, weil man dumm oder verrückt wird – Wer regelmäßig kifft wird auf lange Sicht nicht glücklich“), doch landet auch mal einen klar ironisch erkennbaren Satz („Wer dauernd kifft wird zwangsläufig Neurechter“) – ziemlich witzig.

Der eigentlich ganz nette Song „Keine Party“ hingegen zeigt eine ungewohnte Sicht auf den Geburtstag und ist dabei ekelhaft ehrlich.

„Danke auch, dass ihr mich wieder mal daran erinnert,

Dass schon wieder ein Jahr um ist und sich alles nur verschlimmert.

Ich quäle mir ein leicht debiles Grinsen auf den Totenkopf

Und merke, wie bei euch das Pflichtgefühl aus jeder Pore tropft“

Panik Panzer, “Keine Party”

Doch auch hier schlägt irgendwann die Ironie um und so endet die dritte Strophe mit einer Geburtstagsfeier voller Polizei, Blut und Waffen.

Noch ein Ticken stärker ist die Ironie beim Song „Zentrum des Bösen“. Dieser thematisiert das Dorfleben als stumpfes, rassistisches Hinterwäldler-Leben im Gegensatz zur Stadt. Wie bei den beiden eben genannten Liedern kommt es einem hier so vor, als ob die drei Antilopen im Grunde ihre ehrliche Meinung vertreten. Auch hier ist viel Wahres dabei, nur ist sie so überspitzt dargestellt, dass die drei sich quasi jede Aussage erlauben können – sei sie wieder noch so pauschalisierend oder klischeebehaftet.

„Die Provinz, sie ist einsam und trist.

In jedem Dorf gibt es mehr als Nazis, als es Einwohner gibt.

Und die Leichen in den Kellern sind nicht sprichwörtlich.

Es gibt die Hölle auf Erden, sie ist dörflich“

Panik Panzer, “Zentrum des Bösen”

Doch noch kapitalismuskritisch

Die Tracks „Wein zu Wasser“ und „Wie wir leben“ haben kommen eher mit ernsteren Texten, die etwas schwerer zu nehmen sind. Das ist vielleicht nicht der größte Hörgenuss, doch durchaus poetisch und durch die Beats mit einem geilen Hip-Hop-Vibe.

„Was ‚Gott ist tot‘? Bruder, Nietzsche ist tot.

Alle sind tot, wir sind tot, sogar der Tod ist jetzt tot“

Danger Dan, “Wein zu Wasser”

„Wunderschön, wenn die Welt um einen blüht

Doch man selber keine Blüten trägt, so sehr man sich bemüht.

Das Warten auf die Ernte deiner Saat ist vergebens.

Erst verbrennt dich die Sonne, dann ertränkt dich der Regen“

Panik Panzer, “Wie wir leben”

Ebenfalls geile Hip-Hop-Vibes hat der Song „Kluk“ mit meinem Lieblingsbeat des Albums. Neben den Anfängen der drei Rapper zum HipHop und ihrer Jugend versteckt sich hier bei der Rolle von Glück auch ein wenig Kapitalismuskritik. Die Hook könnte eine Anspielung auf Kayne Wests „Whoopity Scoop“ (Lift Yourself) sein.

Ebenso wie der Song „Keine Party“ (der durch seinen Klaviersound an das Lied „Enkeltrick“ erinnert) fallen der übertrieben witzige Song „Smauldo“ und der Themensong „Roboter“ in dem Album aus der Reihe. „Smauldo“ überzeugt mit einem minimalistischen Beat und einem geilen Konzept, das mit originellen und passenden Line perfekt aufgeht (hört’s euch einfach selbst an). „Roboter“ hingegen überrascht mit einem E-Gitarren-Sample und einer Hook, die an „Disco Pogo“ (Die Atzen) oder „Was würde Manny Marc tun“ (K.I.Z.) erinnert. Der Song lässt sich in seiner Aussage auf die im Refrain gegrölte Zeile „Irgendwann werden wir alle durch den Roboter ersetzt“ hinunterbrechen, doch wird es hier mitunter auch gesellschaftskritisch und politisch.

„Sie brauchen keinen Urlaub, melden sich nie krank

Und bei Problemen kommen sie nicht mit der Scheißgewerkschaft an“

Danger Dan, “Roboter”

„Roboter sind naiv, Roboter mögen Krieg

Befiehl einem Roboter abzudrücken und er schießt

Sie dienen und parieren, alles ohne sich zu zieren

Roboter würden jederzeit in Polen einmaschieren“

Panik Panzer, “Roboter”

In der Bridge gegen Ende des Songs legt sich dann langsam aber sicher ein roboterartiger Vocodereffekt auf Danger Dans Stimme. Wie „Der Ruf ist ruiniert“ sicherlich ein guter Song für Live-Shows.

Der letzte Song des Albums ist dann noch einmal düster und ernst. In „Abraxas“ geht es um die ehemalige Düsseldorfer Stammkneipe der Jungs und dessen Ende wegen Pachtverlust samt Suizid einer der Besitzer. Es wird von Streit innerhalb der Rapcrew gesprochen und einsamen Geburtstagen in der Kneipe. Trotz der vielen Themensongs auf dem Album schafft „Abraxas“ als letzter Song zusammen mit „2013“ als Opener einen persönlichen Rahmen, der die Gefühlswelt der Rapper miteinbezieht und einen Kontext für das Album schafft.

Fazit

Insgesamt überzeugt mich das Album. Reimtechnik und Flows sind wirklich gut, die Texte sind ehrlich, selbstreflektiert und gewohnt ungewohnt. Besonders der typisch ironische Humor holt mich wieder ab, zum Beispiel in folgender Zeile:

„Hat ja super funktioniert, der Ruf ist ruiniert

Rap für die Straße die zum Eingang der Elite-Uni führt

Ich bin kein kluger Rapper, sondern ein Schulabbrecher

Jeder der wat will, soll komm’n und ein Nudelholz kassier’n“

Danger Dan, “Der Ruf ist ruiniert”

Zu  dem vorhin schon zitierten Teil spielt man anschließend weiter mit dem eigenen Image irgendwo zwischen Intellekt und Assi (Straßenrapper/Elite-Student, gebildeter Musiker/arbeitsloser Schulabbrecher). Neben Dialekt/Umgangssprache kommt die Gewaltandrohung – allerdings nicht mit dem symbolischen Baseballschläger, sondern einem lachhaften Nudelholz. Der absichtlich fehlende Reim am Ende setzt dem Ganzen die Krone auf.

Auch der typische Antilopengang-Sound kommt durch. Allein schon wegen der Stimmen und Flows, doch sind da auch die hochgepitchte Stimme in „Der Ruf ist ruiniert“, die zweite Stimme in „Zentrum des Bösen“ und Klavier- sowie Gitarrensounds. Gleichzeitig bemüht man sich mit modernen Instrumentals und dezentem Autotune-Gebrauch mit der Zeit zu gehen – eine Gratwanderung, die nicht einfach ist, aber gelingt. Und auch sonst ist alles dabei: Minimalismus, HipHop-Flair, ernst, witzig, melancholisch, schön… Man teilt aus, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Die Hooks sind oft gesungen und überzeugen durch ihre Musikalität. Das kann echt schön klingen wie in „Zentrum des Bösen“, doch ist es mir in manchen Songs („2013“, „Trenn dich“) etwas zu viel des Guten; diese singsang-artigen Refrains können einfach nicht ironisch gemeint sein.

Alles in allem ist „Abruch Abruch“ also wieder ein rundes Album; soundtechnisch sowie inhaltlich sehr vielfältig. Neben vielen Themensongs und der eigenen Vergangenheit und Gegenwart der Band(mitglieder) steht die politische/gesellschaftskritische Note. Sie ist zwar immer noch klar präsent, hat aber gefühlt etwas nachgelassen. Man behält die Anti(lopen)-Haltung zur Szene und bringt unkonventionelle Themen. Man ist Draufgänger, aber nicht ganz so dreckig wie zu „Abwasser“-Zeiten oder noch davor. Im Track „Wie wir leben“ sehnt man sich in die Zeit zurück, in der man arbeitsloser Punker war, es aber gar nicht sein wollte. Heute sei es andersrum. Und schon in „Der Ruf ist ruiniert“ gesteht man sich ja ein, dass die Fans längst nicht mehr die „Zecken von früher“ sind, sondern heute SPD oder die Grünen wählen. Vielleicht sieht so der in die Jahre gekommene Punker aus. Im System angekommen, immer noch unkonventionell und über die Gesellschaft herziehend, doch letzten Endes eigentlich ganz okay mit allem. Die Revolution muss da wohl ausfallen. Der Abruch wird abgebrochen.


Gastbeitrag von Pit vom VOLUME Magazine.

1 Kommentar

Kommentieren

Schreibe einen Kommentar