Polymorph – Mansionz

In unserer Serie Polymorph wollen wir Alben und Künstler beleuchten, die ihre Kunst über Genregrenzen hinweg machen. Dafür haben wir diese Woche das Album „Mansionz” der gleichnamigen Band mansionz. Das Duo besteht aus dem Rapper Mike Posner, der beispielsweise für Justin Bieber und Maroon 5 geschrieben hat und dem R’n’B Artist blackbear, der unter anderem „Boyfriend” von Justin Bieber mitproduizerte, aber auch mit Künstlern wie Mike Shinoda und Childish Gambino zusammengearbeitet hat. Das scheint schon für eine kreative Mischung predestiniert zu sein, allerdings treten die beiden auf ihrem gemeinsamen Album Genregrenzen regelrecht mit Füßen. Dadurch profitieren sie von vielen Vorteilen. Es bringt allerdings auch viele Hürden und Nachteile mit sich.

Viele Stile in einem Album zu vereinen ist oft mit der Herausforderung verbunden, ein stimmiges Gesamtbild zu schaffen. Mansionz schaffen das, indem sie sich musikalisch von der Form einzelner Lieder lösen. Natürlich ist das Album noch in 13 Songs unterteilt. Andernfalls könnte man es ja kaum auf Streamingplattformen anbieten. Bei Release 2017 appellierten die zwei allerdings an ihre Fans, sie sollen das Album als ein Gesamtwerk betrachten und als solches im Ganzen durchzuhören. Die einzelnen Tracks unterscheiden sich in ihrem Inhalt, sind aber alle samt mit mal längeren, mal kürzeren Übergängen verbunden. Diese sind oft musikalisch, manchmal inhaltlich. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Beatswitches und Hidden Tracks, die eine Einteilung in einzelne Lieder kaum möglich machen. Die 13 Songs sind eher als unterschiedliche Kapitel anzusehen, die man sich nach Belieben herauspicken kann. Es geht um Sex, Liebe aber auch tiefgreifende Fragen des Lebens.

Leidenschaft als Song

Aber zurück zu den Genres, denn davon gibt es hier zu Hauf. Das Album beginnt mit dem Intro „Snoozefest“, einem EDM mäßigen Synth Loop, der das Album gezielt epochal aufbaut, dann aber schnell fallen lässt und in den ersten richtigen Song, bzw. das erste Kapitel einleitet. „My Beloved“ beginnt mit einem Sample von David Lang’s „Just (After Song of Songs)“, einem Soundtrack des Films „Youth“ von 2015. In diesem sehr erotischen Stück geht es um Leidenschaft, aber auch darum, sie am laufen zu halten und den Unterschied zwischen Sex und Gefühlen. Das alles ist verpackt in Gospel anmutende Chöre, Rap-Strophen und dem kaum zu deutenden elektrischen Beatelement im Hintergrund.

Nach einer sehr poppigen Abwechslung in „Stfu“ haben sie sich für ihr nächstes Stück „Dennis Rodman“ den gleichnamigen Basketballspieler zum Vorbild genommen, der für sein sehr kontroverses öffentliches Auftreten bekannt war. Genau wie er, scheren sich die zwei Artists nicht um die öffentliche Meinung und sind selbst für ihr extrem schräges Verhalten bekannt. Zur Untermalung gibt es wieder eine sehr poppige Hook, allerdings mit viel Bass im Nachgang und einer sehr funkigen Gitarre.

Spoken Word Poetry

Das nächste Stück wird – passender Weise – nicht musikalisch, sondern inhaltlich eingeleitet: Mit einem Echo aus Mike Posners Hook des vorherigen Tracks. Ein E-Piano setzt ein und eröffnet das Spoken Word Poetry „I’m Thinking About Horses“. Hier offenbart Autor Mike seine Sicht auf das Leben, auf den Tod, aber auch auf ganz banale und widersprüchliche Fragen. Das Gedicht schrieb er, während sein Vater gegen dessen Krebs kämpfte und zeigt Mike’s Stimmungsschwankungen zu der Zeit in seinen Lyrics als auch in seiner Vortragsart. Seine Gedanken springen von der Schöpfung des Universums, weiter zu Sex, weiter zum Dasein von Pferden als Nutztieren und wiederum ihm im Vergleich. Während sich das Gedicht dem Ende zuneigt setzt ein Drop ein. Eine Art Sirene, die den Zuhörer*innen glatt die Kopfhörer aus den Ohren reißen lässt. Der daraus folgende Beat und die Vocals lassen vermuten, dass nun ein schwerer, vorantreibender Song folgt, doch das ist weit gefehlt. Es ist der Einstieg in den sehr ruhigen und nachdenklichen Track „Nobody Knows“.

„Knowbody Knows“ ist die Mischung eines etwas bluesartigen Themas, untermalt mit einer poppigen Hook. Allerdings gibt es auch hier einen Beatswitch in der Mitte des Songs, der eine softe Ballade zum Vorschein bringt. Eine reine Ballade ist aber auch das nicht. Bei den Einsätzen des Beats kommen sowie trappige, als auch Elemente des Rock und Punk dazu. All das in Kombination mit dem Text erschafft ein sehr emotionales Stück.

Die nächste Abwechslung kommt mit dem Stück „A Million Miles“, dass erst Klaviermelodien mit 808 mäßigen Beats kombiniert, nach dem Beatswitch allerdings mit Stimmenverzerrer und einer trappigen Baseline daherkommt.

Die “Radio-Pop-Sektion”

Zusammen mit G-Easy leitet mansionz im Folgenden die Radio-Pop-Sektion ein. Das Pop sehr vielfältig und kreativ sein kann, haben die Band und natürlich auch zahllose andere Künstler*innen bewiesen. Dass sie aber auch anders können und seelenlosen Pop á la „Baby“ machen können, zeigen sie hier leider auch. Das Album wäre bis zu diesem Punkt gleichermaßen musikalisch als auch Inhaltsstark gewesen, allerdings haben die Zwei ja bereits klar gemacht, dass sie auf die öffentliche Meinung scheißen und wenn möglichst viele Stile kombiniert werden sollen. Also warum dann nicht auch dieser?

Den Höhepunkt findet das im folgenden Titel „Rich White Girls“. Einen noch klischeemäßigeren Popsong kann man kaum schreiben. Es geht natürlich darum – was auch sonst – dass die beiden so viele Frauen haben können wie sie wollen und, dass sie ihnen nichts festes bieten können, bzw. ihnen nichts festes bieten wollen. Das besonders fiese an dem Track ist aber, dass er auch noch ein wahnsinniger Ohrwurm ist. Auch wenn man ihn wirklich vergessen will, geht er einem kaum aus dem Kopf!

Ähnlich inhaltslos geht es im Song „Strip Club“ weiter. Hier gehen Mike und blackbear zusammen mit ihren Homies in den Strip Club und hauen mächtig auf den Putz!

Die Radio-Pop-Sektion haben sie damit dann auch glücklicherweise hinter sich gelassen. Den thematischen Übergang schaffen sie in „White Linen“. Hier geht es um die Kehrseite des luxuriösen Lebens. Darum, dass sie die meisten Fehler begangen haben, wenn sie andere beeindrucken wollten. Begleitet werden sie dabei von einer ruhigen Gitarrenmelodie und Backing Vocals. Das gepose hört hier leider immer noch nicht ganz auf. Die Hook ist zwar sehr selbstreflektierend, eine Lehre hört man in blackbeards Part allerdings nicht heraus, der über einen Dreier rappt, nach dessen er den Frauen noch etwas von seinem Merch aufgedrückt hat.

Ein kreatives Meisterwerk

Es lässt sich also zusammenfassend sagen, dass mansionz nicht nur etliche Musikstile miteinander kombiniert haben, sondern auch inhaltlich von sehr deepen zu extrem oberflächlichen Texten sprangen. Dennoch haben sie alle Stile mit Bravur gemeistert. Ob tiefgründiges Spoken Word Poetry oder oberflächlichen Popsong. Alles klingt on top! Das Duo hat ihr musikalisches Können komplett ausgereizt, völlig auf Genregrenzen geschissen und dabei ein kreatives Meisterwerk geschaffen, indem sie Elemente aus modernem HipHop, Rock, Punk, Pop Blues und vielem mehr kombinierten.

Text: Simon Schönfeld

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