Polymorph – Igor

Tyler, The Creator gewann einen Grammy in der Kategorie “Best Rap Album” für “Igor”. Nach eigener Aussage hätte er sich aber lieber in der Kategorie Pop gesehen. Eigentlich ist das Album wenig poppig, aber auch wenig rappig. Welche Kategorie müsste man denn jetzt Tylers “Igor” zuordnen?

Aufgrund dieses Vorfalls und der daraus resultierende Reaktion von Tyler, haben wir uns überlegt, ob noch andere solcher Alben oder Künstler existieren. Alben, die ähnlich einseitig kategorisiert werden, aber so viele Einflüsse in ihrer Musik einfließen lassen, dass allein ein Genre zu wenig wäre. Wir wurden schnell fündig und machen jetzt kurzerhand eine ganze Reihe daraus. Den Anfang macht, weil es thematisch passt und den aktuellen Bezug hat, “Igor” von Tyler, the Creator.

Da Tyler, the Creator seine Karriere im Rap begann, wird er wohl heute noch von vielen noch als Rapper gesehen. Es scheint, dass ihm dadurch auch nicht wirklich die Chance gegeben wird, aus diesem Genre auszubrechen, um sich beispielsweise im Pop anzusiedeln. Wahrscheinlich wird er auf ewig in der Kategorie Rap-, bzw Urban/Black Music festhängen. Was wiederrum leicht rassistisch wirken kann. Denn es hat den Anschein, dass die meisten schwarzen Sänger*innen zu R’n’B gepackt werden und die meisten Weißen in die Kategorie Pop.

Ist Tyler nun Rap- oder Popkünstler? Da er ein Grammy für “Igor” bekommen hat und seine Popularität seit über 10 Jahren stetig steigt, könnten wir doch Tylers Aussage akzeptieren und einsehen, dass er auch Pop Musik macht. Spätestens seit der Neuinterpretation von Pop, seitens Billie Eilish, ist es doch legitim zu sagen, dass Tyler mehr Popkünstler als Rapkünstler ist, da sich die zwei in ihrer Präsenz und ihrer Musik schon sehr ähneln. Spontan kommen einem da weitere Fragen in den Sinn: “Wo ist Tyler noch Rap, bzw. wo ist Tyler schon Pop?” Oder: “Stecken vielleicht noch mehr Genres in Tylers “Igor” als nur zwei?”

Das Intro “Igor’s Theme”, welches das Album eröffnet, fängt mit einer sehr elektronischen Baseline an, die etwas an Daft Punks Album “Homework” erinnert und geht dann über in einen Beat, der was komplett anderes ist. Dazu kommen noch Lil Uzi Vert und Solange Knowles, in einer sehr skurrilen und schrillen Atmosphäre dazu. Wenn man sich die erste Single “Earfquake” anhört, geht das dann schon eindeutig in Richtung Pop, obwohl der Synthesizer einen funky Touch besitzt und Playboi Carti einen Rap-Part zum Besten gibt. Der dritte Song “I Think” fängt mit Drums an, die einen energischen Rhythmus vorgeben, aber nach einigen Sekunden von einer sehr verzerrten Baseline fast übertönt werden. Dann wird es doch noch poppig, mit Texten die einfach gehalten sind und wieder Solange Knowles im Refrain. Die verwendeten Synthies sind wieder sehr funky, was das Bild von Igor in dem Video zu “Earfquake” – das an eine 80er Show erinnert – sehr gut widerspiegelt.

Aber das Album ist mehr als nur die ersten drei Lieder, die, neben Rap und Elektro, eher Funk und Pop Einflüsse haben. Ersteres bezieht auch die 80er Jahre mit ein und den typischen synthetischen Sound von damals. Das zieht sich durch das ganze Album. Signifikant ist die Baseline, die in jedem einzelnem Track leicht verändert immer mal wieder auftritt und so eine Grundbasis für einen einheitlichen Sound bildet. Ansonsten fällt sonst kein Genre auf, das großartig überwiegt. Zu hören sind auch etliche Rap Einflüsse und ein paar rockigere Momente. Mit dem 80er Sound, kombiniert mit vielen Pop Komponenten, schüttelt Tyler die Mixtur einmal kräftig durch und raus kommt “Igor”. Schwer zu definieren so was, ähnlich wie bei einem Smoothie. Die einzelnen Zutaten liegen einem auf der Zunge, doch es ist zu viel auf einmal, dennoch ist der Konsument glücklich mit dem Ergebnis.

Kommen wir mal zu Tylers Vorbildern und Idolen, denen er selbst nacheifert und die großen Einfluss haben und hatten. Als aller erstes wäre da Pharreal Williams. Es gibt kein Album, kein Konzert und kein Interview, bei dem Tyler nicht über ihn redet. Er hat sich einiges vom N.E.R.D. Member abgeguckt, wie z.B. die Drums oder abstrakte, dennoch harmonische Melodien – und hat diese sogar selbst weiterentwickelt. Mittlerweile musizieren die zwei auch immer öfters zusammen und inspirieren sich gegenseitig. Die nächste Person ist auch gleichermaßen Rapper und Producer und hört auf den Namen Kanye West. Tyler hat für das Lied “A Boy Is A Gun*” das selbe Lied als Sample benutzt, wie Ye bei “Bound 2”. Hier ist auch eine Affinität zu Soul erkennbar, da Kanye fast ausschließlich von alten Soulliedern samplet. Ein drittes Vorbild würde ich jetzt reininterpretieren. Das ist Daft Punk. Auch wenn die ganzen Synthies und deren Arpeggios, die Tyler auf dem Album verwendet, an viele Künstler erinnern kann, erinnern sie mich doch am ehesten an Daft Punk. Vor allem an deren Album “Discovery”. Da war der Sound sehr elektronisch, irgendwas zwischen Techno und House, dazu Pop-Sänger und eine Geschichte, die durch die Platte leitet.

Eigentlich kann man Tyler keinem Genre zuordnen. Was er da zum Teil macht ist nun mal undefinierbar – positiv gemeint. Sei es die selbe Baseline, die das komplette Album begleitet oder die Synthies, die hier und da mal durch die Luft wirbeln. Außerdem noch die untypischsten Drums, die nie zuvor so geklungen haben können oder die nie jemand als Drum-Sounds verwenden würde. Dazu noch seine ihm eigene Art und Weise zu rappen, zu singen oder irgendetwas ins Mikro zu seufzen. Alles was Tyler, the Creator macht ist einzigartig. Klar hört er sich nicht mehr so an wie zu Beginn seiner Karriere und hat immer weniger mit seinem Rap von damals zu tun. Aber wer von uns denkt oder redet noch so wie er vor 10 Jahren war? Niemand! Tyler ist das beste Beispiel dafür, dass man aus 500 verschiedenen Einflüssen der Musik und deren Künstler, was eigens entwickeln kann, ohne, dass es in sich unschlüssig klingt. Tyler ist schon länger mehr als nur Rap. Durch seine Erfolge und dem zurückschrauben seiner Rap-Strophen und den Drang, mehr und mehr zu singen, ist er wohl jetzt mehr Pop Künstler, als alles andere. Oder ist er durch seine ganzen Einflüsse mehr als nur Pop oder irgendein definierendes Genre?

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