My Beautiful Dark Twisted Fantasy – Das Beste Album des Jahrzenhts?

“Devil In A New Dress” ist das entspannteste Lied auf dem ganzen Album. Es gibt sogar eine Strophe, in der nichts gesagt, gerappt oder gesungen wird. Einfach nur der Beat mit einer sehr schön klingenden E-Gitarre. In diese “Ruhe” platzt Rick Ross mit einem seiner besten Parts, die er je aufgenommen hat. Den schaffte er auch erst im zweiten Anlauf. Nach dem ersten Versuch hat ihm Kanye gesagt, er solle es noch einmal schreiben, weil er wusste dass Rick Ross es besser kann.

Erinnert ihr euch noch an Schnappi das kleine Krokodil? Alvin und die Chipmunks? Piepsstimmen waren zu der Zeit doch in, oder? Damals gab es so ziemlich zu jedem großen Hit einen Chipmunks Remix. Bestimmt noch ein Überbleibsel der “Space Frog”-Klingelton Ära der 00’er Jahre. Gott sei Dank ist das aus der Mode gekommen! Bei “Devil In a New Dress” ist das sehr unterschwellig, dennoch etwas befremdlich. Vor allem wenn man bedenkt, dass Rick Ross auf dem Song vertreten ist. Der „Street Rapper“ schlecht hin. Natürlich rappt er auch von teuren Autos und viel Geld. Vermutlich ist er auch der König riesiger, edelsteinbesetzter Ketten. Den Höhepunkt hatte das, als er sich eine riesige Kette anfertigen lies, auf der er mit einer Kette dargestellt war, die wiederum eine Kette von sich mit einer Kette als er selbst darstellte. Der Hype um glitzernden Schmuck ist bis heute nicht abgeschwollen. Ob T-Pain, Quavo oder Travis Scott. Hauptsache sie ist aus Gold, riesen groß und funkelt.


Kommen wir nun zum Prungstück des Albums: “Runaway”. Über neun Minuten Spielzeit, ein endlos wirkendes Intro und ein drei minütiges Outro, dass nur davon lebt, dass Kanye West auf den Beat, mit verzerrte Stimme, irgendetwas vor sich hin singt. Dazu eine Liedstruktur, die anders ist als das übliche Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Strophe. Eigentlich gibt es keine wirkliche Struktur. Ähnlich wie es mit einem Gefühl ist, dass nicht in Strukturen gemessen werden kann, so ist auch “Runaway”. Es geht um Kanyes Selbstzweifel und den Wunsch, dass seine Frau ihn doch bitte verlassen soll, weil er nicht gut genug für sie ist und zu schwach, es selbst zu tun. Schon hier deutet sich seine pibolare Störung an, denn: “I could have me a good girl. And still be addicted to them hoodrats.” Mit anderen Worten, egal was er hat, er wird das, was er vernachlässigen muss, vermissen.

Vom “Space Frog” in die Weihnachtszeit. “Runaway” habe ich zuerst im Film “Die Highligen drei Könige” mit Seth Rogen, Joseph Gordon-Levitt und Anthony Mackie gehört. Der Auftritt der drei Freunde, die das Lied in einem New Yorker Kaufhaus spielen war da schon episch. In natura ist der Effekt allerdings noch größer! Erst das lange, einfache Klavierintro, dann der Einsatz des Beats und der Backingvocals. Einfach grandios! Auch der Beatswitch mit dem Einsatz der Streicher ist hier sehr gut gelungen. Dennoch denke ich, dass man eine solches Lied heutzutage nicht mehr produzieren würde. Er passt perfekt in die damalige Zeit, macht auch etwas wehmütig, wäre heute aber vermutlich etwas zu kindisch. Oder, wie man es eher nenne würde, „cringe”. 


“Hell Of A Life” beschreibt mal wieder das Leben auf der Überholspur, voll mit kurzen Entscheidungen und noch kürzeren Konsequenzen. Da wird mal eben auf der Toilette geheiratet, die Hochzeitsnacht verbringt Kanye auf der Tanzfläche und am Ende des Abends ist er schon wieder geschieden. Es ist aber auch eine Referenz zu seiner Porno-Sucht, die er schon hat, seit dem er ein Junge ist. 

“One day I’m gon’ marry a porn Star” (Welch Ironie)

“Hell of a Life” klingt für mich ein wenig, als könnte es in spielen wie GTA oder Call of Duty vorkommen. Wenn man 12 Jahre alt ist, ist der Song bestimmt extrem cool! Kanye rappt darüber, dass er eines Tages einen Pornostar heiraten und in einer Villa leben wird. Letzteres hat er sich, mit seiner auf bis zu 60 Millionen Dollar geschätzten Villa, garantiert erfüllt. Mit Kim Kardashian hat er zwar keinen Pornostar geheiratet, bei inzwischen 17 Staffeln Keeping up with the Kardashians aber sicherlich den Star einer kuriosen und obszönen Serie.

“Have you lost your mind? Tell me when you think we crossed the line. No more drugs for me, pussy and religion is all I need. Grab my hand and baby we’ll live a hell of a life.”

Stimmt vermutlich so…


“Blame Game” bezieht sich auf das beliebte Spiel: Wer in einer Beziehung ist schuld, dass es mal nicht läuft und warum. Es wird die Beziehung zwischen Kanye und seiner damaligen noch Freundin Amber Rose thematisiert. Untermalt mit der wunderschönen Stimme von John Legend. Der Clue in diesem Lied, Kanye spricht irgendwann mit drei Stimmen, einmal mit seiner normalen und zwei unterschiedlich tief gepitchten. Wo einem wieder die Frage in den Sinn kommt: “Ist Kanye vielleicht doch ein wenig schizophren?” Im Outro ist Chris Rock zu hören, der ein fiktives Gespräch mit einer Frau führt. Er fragt sie, woher genau sie das alles gelernt hat, was sie so kann und sie antwortet schlichtweg immer gleich: “Yeezy taught me!”

Gegen Ende des Albums gibt Kanye zusammen mit John Legend noch einen sehr ehrlichen Track zum besten. “Blame Game” ist ein starker Kontrast zu Ye’s vorheriger übertriebenen Selbstdarstellung. Hielt er sich vorher noch für den Besten der Besten, besinnt er sich nun und gibt zu, sich selbst des öfteren wie ein Arschloch zu verhalten. Man erkennt in dem Titel aber auch, wie zwiegespalten er ist. In einem Moment denkt er, dass er lieber mit seiner Partnerin streitet, als sie zu verlassen. Im nächsten macht er sich dann doch auf die Suche nach einer Neuen. Doch auch das befriedigt ihn nicht. Er reflektiert die Streiterei und beschließt letztendlich, lieber allein zu bleiben, als sich mit den Hindernissen einer Beziehung auseinanderzusetzen.  Obwohl dieser ständige Besinnungswechsel genau das ist, was die meisten an Kanye zu nerven scheint, muss man es ihm hier wirklich verzeihen. Vermutlich wird sich jeder in seine Lage hineinversetzen können. Wir streiten uns mit geliebten Personen, trennen uns vielleicht sogar deswegen und stehen dann selbst vor der Frage, ob es vorher nicht vielleicht besser war. Ob es die richtige Entscheidung war oder ob die guten Tage nicht vielleicht die schlechten überwogen haben. Es ist das ewige hin und her, vor dem sich niemand verstecken kann. Nach all der Prahlerei hatte ich einen so schönen und ernsten Song nicht mehr erwartet.


Kommen wir zum vorletzten Lied “Lost In The World”. Es ist das erste Mal, dass Kanye mehrere Zeilen über Kim Kardashian rappt. Es ist aber auch ein Eingeständnis, dass er eine sehr turbulente Phase in seinem Leben hatte und nicht mehr genau weiß, wo ihm sein Kopf steht. Erst macht seine damalige Verlobte schluss, anschließend stirbt seine Mutter nach einer Schönheitsoperation und dann natürlich seinen selbst produzierten Skandal mit Taylor Swift. Eigentlich zu viel auf einmal für einen Menschen. Oder ist er gar kein Mensch, sondern ein musikalische Gottheit?

All die deprimierenden Momente zogen natürlich nicht spurlos an Ye vorbei. Die Trennung mit seiner Verlobten, der Tod seiner Mutter, aber natürlich auch die Häme nach dem Vorfall mit Taylor Swift haben ihn tief getroffen. Einiges davon war berechtigt, anderes davon nicht. Aber in jedem Fall musste er all die negativen Gefühle verarbeiten. Was dabei in ihm vorging beschreibt er im vorletzten Song “Lost in the World”. Es scheint so, als wisse er selbst nicht, was genau in ihm vorgeht. Was ihm fehlt und wie er es beschaffen kann. Er weiß selbst, dass materielle Dinge kein Glück bringen, weiß sich aber nicht anders zu helfen. Er schreibt ein Gedicht an eine geliebte Person – vielleicht Kim Kardashian – in dem er denkt, mit ihr zusammen Glück zu finden und ein glückliches Leben führen zu können.


Zum Schluss gibt es eine Rede von Gil Scott-Heroin, mit der Frage: “Who Will Survie In America?” Die Rede fasst das Album eigentlich ganz gut zusammen. Amerika wird immer propagiert, als DAS Land. Hier bekommst du alles und erreichst alles. Das dieses “Alles” aber auch eine Schattenseite hat, macht Kanye mit seinen Liedern deutlich. Auf der einen Seite wird im die Chance gegeben, als Schwarzer in einem weißen Amerika Millionen zu verdienen und genau so viele Menschen mit seiner Musik zu erreichen und das “Good Life” zu leben, mit Privilegien, die einem normal Sterblichen niemals erleben wird. Auf der anderen Seite jedoch, verleitet dieses High Life zu Dingen, die ins Extreme abdriften. Sei es Geschichten mit zahllosen Frauen, Materielle Dinge wie Autos und teure Klamotten oder Aussagen bzw. Auftritte, die allen Anderen böse aufstoßen. Amerika ist für Kanye nicht mehr das Land, in dem Honig und Milch fließen, es ist mittlerweile das Land in dem Blut und Tränen fließen.

Der letze Song: “Who Will Survive in America”. Im Gegensatz zu den restlichen, meist sehr langen Liedern, ein sehr kurzes Outro. Hier fasst Ye nochmal kurz das Album in den Worten eines seiner Lieblingsautoren Gil-Scott Heron wieder. Natürlich etwas abgewandelt. Es geht um eine Spekulation von Kanye’s Zukunft. War es die Zeit des Ruhms und der Sorgen Wert? Was hat er auf seiner Reise verloren? Macht all das am Ende einen Unterschied. Für mich ist es ein schöner Abschluss. Das Ende eines langen Weges, bei der er sich fragt, ob er dadurch zu seinem Ziel gelangt ist oder ob nicht auch ein einfacherer Pfad zu seinem Glück führen würde.


Fazit:

“My Beautiful Dark Twisted Fantasy” war damals ein Meilenstein und ist es für mich auch heute noch. Vielleicht auch, weil ich es aus einer anderen Zeit kenne. Eine Zeit, in der es noch keine Streaming Plattformen gab. Eine Zeit, in der man sich noch CDs kaufen musste oder illegal runtergeladen hat. Mit einer CD in der Hand verbinde ich auch etwas mehr mit der Musik. Man hat bares Geld dafür ausgegeben. Auch das Warten, auf die ersten Leaks im Internet, haben einen nicht schlafen gelassen. Es ist nicht Teil eines monatlich kündbaren Abos, bei dem jede Woche 5 neue Alben raus kommen, die darauf warten gehört zu werden. Das Album war damals so gut, weil es rar und nicht überall und zu jeder Zeit abrufbar war.
 
Kaum ein Künstler hat sich für seine Lieder so viel Zeit gelassen wie Kanye zu dem Zeitpunkt. Nach eigenen Aussagen hat er an “Power” 5.000 Stunden gesessen. Auch “All Of The Lights” hat zwei Jahre gebraucht, bis Kanye endlich damit zufrieden war. Wer steckt heutzutage noch so viel Liebe und Arbeit in seine Musik und legt dabei einen Seelenstriptease hin, den sich zu dem Zeitpunkt kaum ein Rapper getraut hatte? Wer zeigt seine Sonnenseiten, nur um im nächsten Moment seine tiefsten Schatten zu durchleuchten? Ja, das Album lebt auch von Kanyes Dekadenz. Die Produktion hat knapp 6.000.000 Dollar verschlungen. Wer die großspurigen Aussagen von Kanye nicht ertragen kann, sollte sich zumindest die Musik dahinter anhören, denn die lohnt sich wirklich. Wahrscheinlich ist das der wichtigste Punkt, warum es von vielen zum “Album des Jahrzehnts” gekürt wurde. Ein weitere mögliche Erklärung ist, dass das Album zum bestmöglichen Zeitpunkt kam, da Kanye damals sehr stark in der Kritik stand. Diesmal antwortete er mit einem Album, anstatt auf die Bühne zu gehen und jemanden bei seiner Dankesrede zu unterbrechen. He did two times! Er war vor allem davon getrieben, es allen zu beweisen, dass er doch noch gut genug ist. Vor allem nach seinem “komischen” Ausflug über Autotune-Pop-Rap – den jetzt übrigens alle Rapper machen. Ohne seinen endlosen Perfektionismus und den Kritikerstimmen – so called Haters – hätten wir wohl nie ein so grandioses Epos bekommen.
 
Wem die Länge von 68 Minuten mittlerweile zu lang ist, kann sich den Kurzfilm “Runaway” von Kanye West anschauen. Dort werden fast alle Lieder des Albums verwendet und zeigt einen guten Querschnitt, was genau einem erwartet. Der Film geht ca. 34 Minuten.

Ehrlich gesagt war es schwer für mich, MBDTF bis zum Schluss durchzuhören. Das Album mit seinen 13 Songs geht etwa 74 Minuten und hat meine Aufmerksamkeitsspanne sehr stark ausgereizt. Das ist in Zeiten von Smartphones, Social Media und Streaming aber auch kein Wunder. Unsere Konzentrationsspanne wird nachweislich immer kürzer. Dennoch haben mir die langen Lieder viel Spaß gemacht. Es gab etliches zu entdecken und viele Stellen haben mich wirklich überrascht. Auch wenn es sich für mich nicht wie ein aktuelles Album anhört, ist es dennoch Anfang 2020 sehr interessant. An manchen Stellen vielleicht sogar zeitlos und definitiv ein glorreiches Stück moderner Musikgeschichte. Dass es als ein “Album des Jahrzehnts“ gilt kann ich wirklich nachvollziehen. Es hat nicht nur Künstler hervorgebracht, die das vergangene Jahrzehnt maßgeblich mitgeprägt haben und musikalische Standards auf ein neues Level gebracht, sonder auch noch eine extreme Langlebigkeit bewiesen. Im Nachhinein schäme ich mich sogar etwas dafür, dass ich es erst jetzt, zehn Jahre nach Release, gehört habe. Hut ab.

Text: Robin Fenner

Text: Simon Schönfeld

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