My Beautiful Dark Twisted Fantasy – Das Beste Album des Jahrzenhts?

So wie “Dark Fantasy” Kanyes 5. Studioalbum eröffnet, so beginnt “My Beautiful Dark Twisted Fantasy” auch ein neues Hip-Hop Jahrzehnt. Nachdem uns Nicki Minaj im Intro sagt, dass wir zuhören sollen, wird schon die wichtigste Frage gestellt: “Can we get much higher?” Wohl kaum. Hip-Hop steht 2010 schon ganz oben in den Charts und ist die lukrativste Möglichkeit mit Musik Geld zu verdienen. Dass es doch noch “higher” geht, ob mit Geld oder Drogen, zeigen die 10 Jahre danach, aber das konnte damals noch niemand ahnen.


Robin ist seit 15 Jahren Fan und hat das Release des Albums vor über zehn Jahren mitverfolgt.

Simon hat das Album zuerst im Dezember 2019 gehört und hat eigentlich keine Ahnung.


“Dark Fantasy” geht dahin zurück, wo der alte Kanye West her kam: Weg von Autotune und Gefühlsduselei – wie er es noch auf “808s & Heartbreak” zum besten gab – wieder da hin Samples auszugraben und dem typischen Ich-Gepose, wie es bei den ersten drei Alben noch der Fall war. Inhaltlich ist “Dark Fantasy” nicht tiefgründig, aber Soundtechnisch die logische Konsequenz zu seiner Trilogie College Dropout, Late Registration und Graduation. Hip-Hop klang selten so hochwertig und gut produziert, ohne die Quintessenz des Raps zu vergessen: Flowen über dope Beats.

Ich als Kanye-Neuling war natürlich sehr gespannt, was da auf mich zukommt. Ob MBDTF wirklich so gut sein kann und vor allem, ob es auch knapp zehn Jahre nach dem Release immer noch so stark ist, wie alle erzählt haben. Mich interessiert aber auch, was sich um Kanye in der Zwischenzeit getan hat und wie seine damalige Musik heute ausgelegt wird. Der erste Song “Dark Fantasy” scheint schonmal einen Einblick zu geben: “Man ist das ne Wucht!” So einen euphonischen Einstieg habe ich selten gehört! “Can we get much higher?” Ich glaube nicht. Dieser erste Song zeigt vermutlich schon, welches Level uns bei diesem Werk erwartet. Keine Höhen und Tiefen. Nur Höhen.


“Gorgeous” thematisiert die Hassliebe des Ruhms, wobei Kanye ihn in seinen Strophen hasst und Kid Cudi ihn im Refrain als eine Notwendigkeit empfindet. Es geht um kritische Stimmen, die auftauchen, wenn man zu viel Erfolg hat und wie schnell einige davon zu Rassisten werden. Er rechnet z.B. mit den South Park Machern ab, die ihn als “Gay Fish” bezeichneten oder seiner Hatern, die ihm nichts gönnen.

Der zweite Song enttäuscht mich dann doch sehr und ist vermutlich das Paradebeispiel dafür, wie Musik für mich nicht klingen sollte. Zugegebenermaßen bin ich auch wirklich kein Kid Cudi Fan. Aber auch über seine Art zu singen hinaus, weiß ich nicht, wieso dieser Song so beliebt sein kann. Die catchy Hook lädt natürlich zum mitsummen ein, cashiert aber eigentlich nur den völlig irrsinnigen Text. Kid Cudi singt – als Schützling von Kanye – wie sollte es auch anders sein, über Ye’s von Gott gegebenes Talent zu rappen und darüber, dass er das bloß nicht loslassen soll, während dieser seine verdrehten Weltansichten preisgibt.

“I treat the cash the way the government treats AIDS.
I won’t be satisfied till all my niggas get it, get it?”

Damit meint Kanye eine Verschwörungstheorie, die besagt, dass AIDS eine Erfindung der US Regierung sei um die schwarze Bevölkerung auszulöschen. Hier zeigt er genau die Seite von sich, die ich nicht sehen bzw. hören möchte. Ich muss dabei an seinen skandalösen Auftritt bei den VMA’s 2009 denken, bei denen er Taylor Swift das Mikrofon wegnahm und sie vor einem Millionenpublikum bloßstellte.


Das Lied “Power” kann man nur mit einem Wort beschreiben: POWER. Er zitiert eine Satz, der gegen Malcolm X gerichtet war. Macht aber deutlich, dass nicht eine Person so viel Macht besitzen sollte, sonder alle. Gegen Ende stellt er klar, welche Stellung er hat, denn: “I got the power to make your life so exciting”, und je öfter er das letzte Wort wiederholt, um so mehr klingt es nach “suicide”.

Okay, der dritte Track ist wieder ein richtiges Brett! Ich kannte den Song schon aus diversen Werbespots der vergangenen Jahre, allerdings nicht in voller Länge. Zu Anfang hatte ich noch halbnackte Calvin Klein Models im Kopf, die zur Hook posieren, aber der Song bietet noch so viel mehr. Die Elemente des Beats sind recht simpel und entfalten doch eine gewaltige Wirkung. Der Beatswitch gegen Ende hat mich persönlich sehr überrascht und leitet meinen Lieblingsteil ein. Die Gesangsparts vom Dwele harmonieren wunderbar mit den Zeilen von Kanye und kreieren eine tolle Atmosphäre. Auch die Message ist super. Kanye zitiert ein Statement der Polizei über Malcom X: “No one man should have all this power” und bezieht sich damit auf das Bestreben von Gleichberechtigung bezüglich der schwarzen Gemeinde. Nur komisch jetzt, weiße Models zu diesem Song zu sehen und traurig, wie die Aussage eines Songs so für Werbezwecke so verfälscht wurde.


“All Of The Lights” bekommt einen eigenen Intro Song, der knapp eine Minute geht, aber dann einen der stärksten und vollgepacktesten Tracks – was die Features angeht – von Kanye folgen lässt. Über zwei Jahre hat es gebraucht, bis dieses Lied endgültig fertig war und hat mehr als 14 verschiedene Künstler in den Credits. Unter anderem Drake, Elton John, Fergie, Alicia Keys, Kid Cudi und Rihanna, um nur ein paar zu nennen. Kanye wollte, dass jeder Künstler das ganze Lied ein Mal durchsingt, damit er sich die besten Parts der jeweiligen Stimmen aussuchen kann, um es so perfekt wie möglich zu machen. 

Es überrascht mich Rhianna in der Hook zu hören. Obwohl sie inzwischen eine Pop-Ikone ist, hatte ich sie nicht mehr wirklich auf dem Schirm. Vor zehn Jahren kam ich natürlich nicht an ihr und ihrer Musik vorbei. Kam sie doch im Fernsehen und Radio überall vor. Der Sound repräsentiert die 10’er Jahre maßgeblich für mich. Die wuchtigen Beats scheinen charakteristisch für das Album, aber auch für die Zeit, in der es herauskam. Ich denke dabei an Künstler wie Pitbull, Flo Rida und co. die damals groß waren. Die Geschichte des Songs und die Message dahinter sind sehr rührend. Es geht um Druck, Angst und Verlust, der damit einhergeht. Ob in „normalen“ Familien, als auch bei Berühmtheiten wie Ye und Rihanna, die auch mit häuslicher Gewalt zu tun hatte. Vermutlich ist Elton John gerade deshalb als Feature mit dabei. Er selbst hatte jahrelang mit Alkohol- und Drogenproblemen, basierend auf öffentlichem Druck, zu kämpfen.


“Monster” ist, wie der Name es schon vermuten lässt, nichts nettes. Das Video wurde von Kanyes YouTube-Account verbannt, weil es zu sehr einem Horrorfilm glich. Passt aber zu dem, was Kanye West, Jay-Z und Nicki Minaj darauf rappen und wie sie es tun. Kanye war sogar fassungslos, dass eine Frau besser abgeliefert hat und das auf seinem eigenen Song. Dazu muss man sagen, Nicki hat am selben Tag ihr Debütalbum “Pink Friday” veröffentlicht, wie Kanye West MBDTF. So viel Erfahrung hatte sie zum dem Zeitpunkt also noch nicht im Rapgame, stellt aber ganz locker, zwei der größten Rapper des damaligen Jahrzehnts, in den Schatten. 

Wann ist noch gleich der erste Teil der “Hangover”-Reihe erschienen? Das erste Bild, dass mir bei “Monster“ in den Kopf kommt, sind die vier Freunde, die in dem Film oben auf dem Dach stehen und auf die bevorstehende Nacht anstoßen. Beim dritten Part fragte ich mich erst, ob der von Cardi B stammt und ob sie schon damals Musik gemacht hat. Als mir dann klar wurde, dass es sich bei der hier flexenden Rapperin um Nicki Minaj handelt, wusste ich kurz nicht weiter. Das muss einer ihrer ersten Lebenszeichen gewesen sein. Und verdammt ist ihr Part stark! Vermutlich, trotz der von Jay-Z, Rick Ross & Kanye, der beste des ganzen Songs! Wenn man bedenkt, dass sie das vergangene Jahrzehnt maßgeblich mitgeprägt hat, ist das auch kein Wunder. Wenn in den letzten Jahren eine weibliche Rapperin im Rampenlicht stand, wurde fast ausschließlich der Vergleich zu Nicki gezogen. Sie war und ist noch immer der Maßstab starker Raps.


“So Appalled” heißt wörtlich übersetzt: “so entsetzt”. Die Herrschaften sind nämlich so entsetzt davon, wie viel Geld sie haben und was sie sich alles davon leisten können. Eigentlich schon lächerlich. Der Beat lässt durch seine Moll Akkorde sogar vermuten, dass es den Männern, mit all dem Zaster, schlecht geht oder, dass sie zumindest mit der Gesamtsituation nicht zufrieden sind. Wie auch immer, den sechs Männern hört man an, dass sie ihre Parts in teuren Anzügen aufgenommen haben. 

“Would you rather be underpaid or overrated?”

2020 von Kanye zu sprechen wirft natürlich viele Kontroverse auf. Natürlich kann man da seine “Trump-Supporter-Phase” nicht auslassen. Dafür hat er viel Gegenwind bekommen. Das ganze scheint noch absurder, nachdem er vergangenes Jahr in einem Interview mit der David Letterman sagte, dass er noch nie im Leben gewählt habe und es auch weiterhin nicht vor hat. Was im vergangenen Jahr allerdings noch präsenter war, ist die öffentliche Zurschaustellung seiner religiösen Ansichten. Anfangs durch die Auftritte mit dem von ihm gegründeten “Sunday Service”, zuletzt aber vor allem durch sein Gospel Album “Jesus is King”. Absurd ist dabei die Aufregung der Hörer*innen, die sich darüber beschweren, dass er nun religiöse Musik machen würde. Dabei ist sein Glaube etwas, das Ye von je her begleitet hat. Ein Beispiel dafür ist der Song “Jesus Walk” von 2005. Religiöse Anspielungen finden sich aber auch in zahlreichen anderen seiner Songs und Videos. So auch in “So Appalled“. Ehrlich gesagt habe ich mich hier etwas schwer getan. Eine klare Botschaft konnte ich nicht heraushören und auch musikalisch hat er mich nicht umgehauen. Die Parts von Pusha T, Jay-Z und co sind sehr textlastig, lassen aber auch anhieb keine klare Reimstruktur oder ähnliches erkennen. Definitiv keiner meiner Lieblingssongs. 

“Praises due to the most high, Allah”

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