Denyo – Das Derbste vom Derbsten

Wenn man über die Geschichte von Deutschrap spricht, kommt man an Denyo nicht vorbei. Allein die Menge an alter Egos wie Dennis Lisk, aka Dennis 77, aka Dennis Deutschland, aka DennisDubplate deuten auf eine lange und abwechslungsreiche Legacy hin. Ob als Mitglied der Rapgruppe Beginner, des Vereins Brothers Keepers, als Songwriter oder Rap-Solokünstler – in Sachen deutschem HipHop ist er ein Vorreiter. 

Der Name Absolute Beginner sollte jedem Deutschtap-Fan ein Begriff sein. Die drei Jungs aus Hamburg, die mit ihren Sozialkritischen Texten und hochwertigen Produktionen deutschlandweite Bekanntheit erlangten. Ihr zweites Album “Bambule“ gilt bis heute als eines der besten und einflussreichsten Deutschrap Alben aller Zeiten und machte unter anderem Rapper wie Samy Deluxe als Solokünstler bekannt.

Denyos Legacy geht allerdings noch weit über den experimentellen Beginner-Sound der 90’er Jahre hinaus. 2015 veröffentlichte der Hamburger ein Album, dass uns bis heute noch im Kopf geblieben ist. Am 17. April 2015 erschien seine Platte „Derbe“. Mit ihr zeigte er nicht nur, dass er es immer noch drauf hat, sondern vor allem auch, dass er seine Erfahrung mit dem damaligen Zeitgeist kombinieren konnte.

Denn „Derbe” bringt alles mit sich, was 2015 gerade angesagt war. Es geht um Jugendkultur. Ob Hashtags, Partyhymnen oder Autotune Sound, „Derbe“ hat alles. Im ersten Song „#Derbe“ macht er schonmal klar, welcher Sound die Zuhörer erwartet. Mit gepitchter Stimme spricht er von Erwartungshaltungen und Realität. Es geht um die Selbstdarstellung auf Social Media Plattformen, die geile Vorstellung des Partymachens und dem Resultat, wenn man spät am Abend doch nur sabbernd in der Ecke sitzt.

„Ich so: “Spiel mal echten HipHop so wie Biggie!
Doch acht Tequila später: Freier Oberkörper, 30 Grad, MC Fitti”

Denyo – #Derbe

Von Oberflächlichkeiten geht es weiter zu persönlichen Themen. „Gegenwind“ scheint ein Motivationslied wie kaum ein anderes zu sein. Die Message ist klar: Aufstehen und weitermachen. Allerdings nicht wie in der willkürlichen Fitnessrappermanier – einfach 200% geben und Pumpen gehen – sondern Stück für Stück. Ein Problem nach dem anderen angehen und sich von einem kleinen Erfolgserlebnis zum nächsten hangeln.

“Ich pflaster mir ‘ne Startbahn, aus kleinen Steinen
Dann heb ich ab und sammel Meilen
Ich streck die Arme aus, während ich hinauf flieg
Und je mehr Gegenwind, desto mehr Auftrieb“

Denyo – Hübsche Frauen

Das Produzententeam Symbiz hat auf dem Album ganze Arbeit geleistet. Der sphärische Sound ist catchy, hebt einen an manchen Stellen in die Luft und drückt einen an anderen Stellen mit seinem Bässen wieder auf den Boden. Die Beats sind eben einfach Derbe! Alles klingt sehr einheitlich. Der Vorteil dieser Klangwucht ist, dass Denyos Texte dabei teils in den Hintergrund rücken. Das Lied „Hübsche Frauen“ profitiert besonders davon:

“Ich bin down, down, down
Keine Kohle, Kein Feuer
Warum sind hübsche Frauen, Frauen, Frauen
Bloß so verdammt teuer”

Denyo – Hübsche Frauen

Das Männer versuchen, eine Frau zu beeindrucken, ist nichts neues. Das sie dabei auch oft tiefer als gewollt in die Taschen greifen, leider auch nicht. Aber eine Beziehung darauf zu reduzieren, dass der Mann alles zahlt und die Frau nur immer mehr will, ist unangemessen. 

“Ich köpf’ mein Sparschwein und bring
Eben mal schnell die Pfandflaschen weg
Denn du sagst, du brauchst unbedingt diese beige Chanel-Handtasche jetzt“

Diese Zeilen waren auch 2015 schon nicht mehr angemessen und spiegeln alles andere als ein modernes Bild von Geschlechterrollen wieder. Allerdings kann es natürlich sein, dass Denyo zuvor schon in einer Beziehung ausgenutzt worden ist und in dem Lied seine Gefühle verarbeitet. Auch wenn wir die Message des Songs nicht gutheißen, können wir ihm dieses Lied dennoch nicht verübeln. Tatsache ist aber definitiv: das Soundbild rückt den Text in den Hintergrund. Auch wenn einem der Text nicht gefällt oder wir der Message nicht zustimmt, klingt er doch so gut, dass wir einfach nicht weiterskippen möchten.

Der 90’er Jahre Beginner Sound, den viele Fans vermutlich erwartet haben, findet sich in „Derbe“ auch wieder. Nur nicht allzu offensichtlich. BoomBap Beats wurden mit modernen Synthies aufgefrischt. Warum auch nicht. Ist es nicht völlig sinnfrei, nach 20 Jahren immer noch die selbe Musik zu machen? Um Samy Deluxe an der Stelle zu zitieren: „Leute wollen mein alten Scheiß, kauft mein altes Album!“ Zumal bringt Denyo 2015 nicht nur Rap Urvater Torch mit auf sein Album, sondern vereint auch Straßenrapper Sido und Absolute Beginner Mitglied Jan Delay auf einem Song. Zehn Jahre früher wäre das vermutlich undenkbar gewesen.

Als Zusatz zu den zehn Titeln des Album legt Denyo noch einen drauf und vereint mit dem „All Star Remix“ zu „Kein Bock“ zusätzlich zu Sido und Jan Delay, noch Bartek, Megaloh, und ASD auf dem Track. Und der ist, abgesehen vom kreativ gestalteten Video, wirklich eine Wucht!

Das Zeitgeistige ist der Grund für die negativen Kritiken der Platte. 2015 störten sich einige an den Hashtags und dem Autotune-Sound. Man muss auch eingestehen, dass es an mancher Stelle vielleicht etwas zu viel ist. Denyo verzichtet beispielsweise auf Vokale in „WrkHrd“ und nenn sich selbst „Denyolo“. Andererseits war aber eben genau das damals angesagt. Rückblickend macht jedenfalls gerade das so viel Sinn auf der Platte und passt gut in die Playlist einer Zeit, die vor Autotune nur so strotzt. Zugegebener Maßen profitiert das Album von einzelnen starken Songs. Nicht jeder Track ist brillant, aber immer noch gut und hebt aber dafür starke Songs wie „Gegenwind“ oder „#Derbe“ in den Vordergrund und das sind die Titel, die vor allem heutzutage noch viel in Playlists rotieren.

Text: Simon Schönfeld

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