Von Left Boy zu Ferdinand

Left Boy scheint den meisten Mid-Zwanzigern ein Begriff zu sein. Der Künstler, der mit seinen englischen Texten, auf Elektronischen Beats, über Jack Sparrow und Co., 2011 über YouTube bekannt wurde. Damals war Left Boy 23 und stand noch am Anfang seiner Karriere. Es ist also keine Überraschung, dass er sich im Laufe der letzten Jahre weiterentwickelt hat.


Der Hype

Der bekannteste Left Boy Song ist mit 16 Millionen Streams auf YouTube vermutlich „Jack Sparrow”. Damals war der gebürtige Österreicher 23 und hatte bereits ein Tontechnikstudium in den USA abgeschlossen. Eigene Musik produziert er bereits seit er 16 ist und tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters Andre Heller, der unter anderem als Dichter, Autor und Aktionskünstler bekannt ist. Da Left Boy, bürgerl. André Heller, zu der Zeit schon länger in den USA lebte, versteht es sich für ihn von selbst, seine Texte auf Englisch zu verfassen. Diese befassen sich mal mit dem Party machen, mal mit einer plötzlichen Liebe. Meistens sind es Momentaufnahmen, die er erstaunlich vielseitig, unter einem Soundteppich aus elektronisch-gesampleten Popsongs, mit Rap und Gesang knöpft. Auf YouTube ist er ein Phänomen; kurz darauf wird er von Warner gesigned. 

Die Karriere

Nach dem Deal folgt 2014 sein Debüt Album „Permanent Midnight“, das in den österreichichen Charts auf Platz drei einsteigt und sich dort 16 Wochen lang hält. Party macht er auf der Platte immer noch, beschäftigt sich aber auch viel mit Ängsten und Zweifeln. Die videospielähnlichen Samples wichen neuen, samplefreien Melodien. Mit rechtlich ungeklärten Samples gab es in der Vergangenheit schon ein paar Probleme. Auf „Everything Flows“ singt er beispielsweise komplett auf einer Akustik-Gitarre. Auch die ungeplante Geburt seines Sohnes ändert Vieles in seinem Leben. In „Marie“ versucht er daher mit seinen Aggressionen gegenüber seiner damaligen Ex-Freundin umzugehen und macht ihr klar, dass es keine gemeinsame Zukunft zwischen ihnen geben kann. Er dachte damals, dass sich seine Karriere und sein Leben als Vater nicht in Einklang bringen lassen. Die Geburt seines Sohnes war dann aber der entscheidende „Tritt in den Arsch“, den er gebraucht hätte, um den Schritt in die Selbstständigkeit zu machen. Sein Sohn liebe er heute über alles.

Left Boy – Marie

Nach dem Erfolg seines Debütalbums geht es für Left Boy auf die nächst größere Bühne. 2015 ist er am Eröffnungssong des Eurovision Song Contest, „Building Bridges“ beteiligt. Das heißt im Klartext: Er spielt vor den Augen von etwa 200 Millionen Zuschauern. Größer geht es eigentlich nicht mehr. Der erstaunlichste Moment der kurzen Performance ist definitiv, als er beschließt, nach seinem Part in einer Rauchwolke zu verschwinden.
Etwa ein Jahr später erscheint seine EP „Back On Top Soon“, die im Gegensatz zu seinem vorherigen Werke schon eher in die BoomBap Richtung gehen. Dennoch klingt es immer noch nach dem klassischen Left Boy Sound mit vielen starken Samples und diesmal zusätzlichen Scratsches.

Die „Ferdinand Series”

Anschließend scheint es, dass um die Künstlerfigur Left Boy viel passiert ist. Über einen Zeitraum von zwei Jahren veröffentlicht er die sogenannte „Ferdinand Series“. Eine Kurzfilmreihe, die seinen Wandel äußerst gut beschreibt und nebenbei künstlerisch sehr gut gemacht ist. Kapitel 1 – „Ferdinand“ – erscheint im März 2015. In diesem meditiert Left Boy schwebend in seiner Wohnung, reflektiert seine Vergangenheit und grübelt über die Zukunft. Sein bürgerlicher Name rückt hierbei erstmals in den Vordergrund.

Kapitel zwei „Young God“ erscheint etwa ein Jahr später. Darin grübelt er über einem Noisey Artikel, dessen Hauptaussage ist, dass Left Boy für unsere schnellebige Zeit zu wenig Titel veröffentliche und dass er, wie auf seinem Song “Young God“ (2016) beschrieben, nicht unter Druck arbeiten könne. Witzigerweise thematisierte Left Boy genau das bereits in Kapitel 1, ein Jahr zuvor. Sein zweites Video liefert im Anschluss auch noch ein neues Lyricvideo zu besagtem Song, allerdings fernab vom “Comic Sans-YouTube-Mist” . Er blättert in einem eigens gestalteten Magazin, das seine Lyrics mal textlich und mal bildlich wiedergibt. Am Ende liefert er noch eine kleine Ankündigung mit dem Titel „The Reutrn of Left Boy?“

„The Return of…“ heißt dann Kapitel 3, das wie versprochen einen Tag später mit einem neuen Song und auch gleich einem neuen Musikvideo um die Ecke kommt. Wie man über die vergangenen Videos der Reihe beobachten konnte, sind Left Boy’s Haare über die Zeit gewachsen. Aber auch seine Musik hat sich stark entwickelt. Ein Jahr nach seiner letzten EP rappt er nicht mehr auf elektronischem, 8Bit mäßigem Sound, sondern auf instrumentenbasierten Melodien voller Gitarrenriffs und Power. Das Video ist wie immer überragend produziert und begleitet ihn quasi dabei, wie er seine musikalische „Wiedergeburt“ feiert.

Kapitel 4 „Coyote“ erscheint erst 8 Monate nach dem Vorgänger und zeigt Ferdinands Sicht auf Labelarbeit im Gegensatz zu seinem künstlerischen Schaffen. Die Labelchefs müssen übersetzt werden, da sie – natürlich – nur in Zahlen reden und sein Kreatives Schaffen auch nur durch Reichweite bewerten. Gleichzeitig zeigt er die Zwänge auf, an die sich Künstler durch Verträge binden. Wieder einmal fällt es ihm schwer, unter Druck neue Musik zu machen. Die Leute fragen weiter nach, doch er tappt im Dunkeln. Jedenfalls so lange, bis ihn seine Muse, in Form einer Gitarre die vom Himmel fällt, wieder erreicht. Er ist nun bereit neue Musik zu machen und startet im selben Zug einen Aufruf für eine Band Audition (die es wirklich gegeben hat).

„The kids want hits. I hope I don’t hit ’em to hard with this!“ Der „Young God“ wurde inzwischen zum „Father of God“ und veröffentlicht mit dem gleichnamigen fünften Teil der Reihe den zweiten Song des wohl neuen Projekts. Die neue Band ist da, also hält die Gruppe auch nichts mehr auf, à la Rock’n’Roll Lifestyle durch die Straßen zu ziehen und ihre neue Musik zu feiern. Die Drums und Gitarrenriffs sind hier noch präsenter und zeigen weiter, in welche Richtung das neue Album gehen soll. Denn das kann man ab sofort (16.02.2018) vorbestellen.

So, das Album ist angekündigt und nach den Titeln „The Return of…“ und „Father of God“ wird es Zeit für die Dritte und letzte Single vor dem Release, die er mit dem letzten Kapitel der Ferdinand Series – „Sweet Goodbye“ – veröffentlicht. Was die Fans jetzt scheinbar auch kapiert haben, ist, dass Left Boy aka Ferdinand also schon seit geraumer Zeit mitten in der Promophase steckt. Also schon knapp ein Jahr lang. Die Reise ist damit also mehr oder weniger zu einem Ende gekommen und so besingt er es auch in seinem Song: „On the race to the top, you know where you’re going, you got a spot“. Das Ziel hat er nie aus den Augen verloren. Ab und an ist er einen Umweg gegangen und hat sich auch zwischenzeitig zu wenig reingehängt. Das ist ihm auch klar. Doch das Rennen fährt er bis zum Ende.

Zusammenfassend kann man einfach nur sagen, dass die Kurzfilme der “Ferdinand Series” überragend sind! Sie sind technisch erstklassik produziert, haben einen hohen künstlerischen Wert und spiegeln zugleich seine Gedanken zu Ferdinand als Kunstfigur und zu seiner Musik wieder. Es ist einfach wahnsinnig interessant, die unzähligen Easter Eggs in den Filmen zu suchen. Es macht Spaß, Ferdinand dabei zuzusehen, wie er sein Müsli am Morgen aus Edelsteinen isst, eine SD-Karte aus seinem Mund zieht oder wie er mit seinem fiktiven Haustier „Taff Taff“(?) kuschelt. Vermutlich könnte man eine Doktorarbeit mit einer Analyse der Videos schreiben und hätte dennoch nicht alle versteckten Komponente der Videos entdeckt.

*P.S.: Einige ausgewählte Audition Tapes für seine Band findet ihr auf Left Boys, bzw. dem Made Jour Label YouTube-Kanal. Die sind echt sehenswert weil Lustig!

Das Album!

Nach dem langen und kräftezehrenden Rennen sind wir nun endlich am Ziel angekommen. Das Album ist da! am 06. April 2018 erscheint “Ferdinand”. Zwölf Songs mit neuem Sound. Mal akustisch und mal mit elektronischen Instrumenten. Ausprobiert hat Ferdinand in der Zwischenzeit scheinbar sehr viel. Mit zum Album veröffentlicht er nämlich 14 weitere Versionen seiner Albumtitel. Eine unterschiedlichere als die andere. Man kann ihm also nicht nachsagen, er hätte sich keine Gedanken um den neuen musikalischen Stil gemacht. Ganz im Gegenteil. Es scheint eher so, als hätte er in all dem Gewusel aus unterschiedlichen Stilrichtungen und Einflüssen endlich eine für sich passende gefunden. Und die klingt echt gut!

Mit neuer Musik kann es nun endlich wieder auf Tour gehen! Im Oktober 2018 startete er zur “Ferdinand Tour”. Und die war echt gut! Left Boy schaffte es schon lange, seine Musik mit voller Power auf die Bühne zu bringen und alle mitzureißen. In dem Moment, als er die Bühne betritt schien es fast so, als stünde seine Performance im Zentrum und die Musik eher im Hintergrund (no front!). Mit der neuen “Kunstfigur” “Ferdinand” hat seine Show an dem Punkt noch mehr an Spektakel gewonnen.

War es das jetzt mit Left Boy?

Scheinbar nicht. Zwar kam seine Transfusion von Left Boy zu Ferdinand mit dem gleichnamigen Album zu einem Höhepunkt, ganz zu Ende ist seine Geschichte allerdings noch nicht. Es gibt wohl etwas, das er uns noch sagen möchte.

Bereits zwei Wochen nach Albumrelease – also noch vor seiner Tour – veröffentlichte er mit seinem Song “Bitte brich mein Herz nicht Baby” den wohl skurrilsten Song seiner Laufbahn. Es ist nicht nur einer von zwei Songs, die er auf Deutsch performt hat, er bricht auch noch völlig mit dem Stil des Albums. Das ist an sich nichts Schlechtes. Der Song ging durch die Decke! Mit einem Ohrwurmfaktor over 9000 singt er, auf einer Autoscooter-Plattform, von einer Frau, die ihm das Leben reichlich schwer macht. Sein Outfit ist on Top! Der Flow ist on Top! Alles perfekt.

Doch auch damit ist es nicht genug! Bereits im Juli diesen Jahres (2019), also wieder ein Jahr später, veröffentlichte Left Boy seine bislang aktuellste EP “Sex Party”. Soundtechnisch klingt diese wie der Soundteppisch aus dem Ferdinand Album inklusive stellenweiser Synthie und Dubstep Parts. Es klingt quasi wie eine ausgereifte Kombination den musikalischen Zwischenstopps, die er im Laufe seiner Karriere gemacht hat.

Die Namensänderung ist also doch noch im Prozess? Nein. Die scheint damit abgeschlossen zu sein. Denn am 29.11. diesen Jahres veröffentlichte der Österreicher seine erste Single unter dem Künstlernamen “Ferdinand”.

Zeitgleich kündigte er eine Tour unter dem Titel “Thank you Left Boy” an. Diese hat er zwar sehr schnell wieder um ein halbes Jahr nach hinten verschoben, aber wie wir inzwischen wissen, führt Arbeiten unter Druck zu nichts. Via Instagram veröffentliche er ein Statement, dass er zur Zeit an zwei Projekten gleichzeitig arbeite und beide ordentlich zu Ende führen wolle. Es lässt also die Vermutung offen, ob es sich bei den Projekten um ein kommendes Album und eine Show handelt. Das werden wir aber sicher früher oder später erfahren.

Es lässt sich bis dato also nur noch sagen: “Thank you Left Boy. Hello Ferdinand!”

Text: Simon Schönfeld

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