Max Herre – Athen / Review

Die Wenigsten hätten wohl damit gerechnet, als Max Herre im Juni diesen Jahres sein erstes Album seit 2012 ankündigte. Hier kann man wirklich von einem Comenack sprechen. Das Freundeskreis-Member war in der Zwischenzeit aber alles andere als untätig. In den letztzen Jahren hat Max Herre unter seinem eigenen Label unter anderem an den Projekten von Megaloh mitgewirkt. Mit dem neuen Album nutzt er nun auch neue Herangehensweisen. Zuvor hatte Herre zuerst die Musik komponiert, auf die er daraufhin die Texte schrieb. Bei seinem aktuellen Album “Athen” entstanden die Texte zuerst. Dazu hat er sich Hilfe von Musiker Maxim und Tua geholt, die ihm mit Rat und Tat zur Seite standen. 

Durch das ganze Album zieht sich die Thematik des Reisens wie ein roter Faden. Dabei geht es weniger um die Ankunft an einem bestimmten Ort. Es geht viel mehr um die Unterbrechungen, die Umwege und die Steine, die auf dem Weg liegen. Das besondere dabei ist, dass Herre damit zwar keine große Themenvielfalt in sein Album packt, aber das Kernthema von verschiedenen Sichtpunkten aus reflektiert. 

Im Titelsong „Athen“ geht es um einen Roadtrip zweier Menschen, die versuchen ihre zerstörte Liebe zu Retten. In „Siebzehn“ geht es um die Reise des Erwachsenwerdens und in „Sans Papiers“ um den Weg eines Staatenlosen, der versucht in einer Welt voranzukommen, die ihm alles verwehrt. Er reflektiert damit sowohl eigene, als auch fremde Erfahrungen, während die Metapher des „Weges” allgegenwärtig ist.

Das Lied „Villa auf der Klippe” führt die Reise-Thematik weiter, kontrastiert aber durch seine Erzählweise mit dem Rest des Albums. Es sticht sehr durch seine verwoben, abstrakte Erzählweise hervor. Der Kontrast zeigt aber vermutlich das Resultat der Zusammenarbeit mit Tua. Max Herre erzählt, genau wie Tua auf seinem letzten Album, beispielsweise in seinem Song „Vater“, als würde er sie in einem alltäglichen Gespräch einem Freund erzählen. Der Beatwechsel am Ende des Songs ist keine Seltenheit und ist ein Merkmal, dass sich durch die ganze Platte zieht. Oft leitet ein Outro schon das nächste Lied ein oder der Switch ändert die Stimmung innerhalb eines Songs. 

Der Sound der Platte lässt sich nur schwer in Worte fassen. Eine Beschreibung wie „Atmosphärisch“ trifft es, ist aber dennoch zu oberflächlich. Die „Atmosphäre“ entsteht im Wechselspiel aus Text und Ton. Der Roadtrip, den Herre im ersten Lied beschriebt, wird durch die langsamen, schweren Melodien nahezu fühlbar. Man kann sich die endlosen, kräftezehrenden Kilometer auf der eintönigen Strecke bildlich vorstellen.

Die Lieder bestehen oft aus alten Volksliedern, Gedichten, oder, wie in „Nacht“, aus einem Sample der Band Panta Rhei aus den 1970’ern. Dazu gesellen sich Melodien von Gitarren oder Klavier und ein zusätzliches Element für den modernen Touch. Nicht zu präsent, aber präsent genug, um das ganze Lied in die Gegenwart zu transportieren. In „Athen“ und „Dunkles Kapitel” ist das die gefilterte Stimme in der Hook. In „Sieben Sekunden” sind es die Drums von Produzent Dexter. Durch all die verschiedenen Einflüsse lässt sich der Sound also nicht auf eins, zwei Adjektive beschränken. Trotz dessen schafften es Max Herre, zusammen mit Labelkollege Samon Kawamura, ein stimmiges Gesamtbild aus den Einflüssen der verschiedenen Produzenten zu schaffen. Neben den bisher genannten, produzierten auch Roberto di Gioia und Kitschkrieg am Album mit.

Max Herre hat eine Atmosphäre geschaffen, der die Zuhörer an die besungenen Orte führt und an sie an den Geschichten teilhaben lässt. Sein Gespür für die Darstellung von Momenten ist auf den Punkt. Alle Elemente des Albums haben einen klaren Zweck. Wenn er im nächsten Lied näher auf das Thema des vorigen eingeht, gehen beide Titel nahtlos ineinander über. Das Ganze Album hat schon fast eine gestalterische, als künstlerische Zusammensetzung. All das zeugt von viel Können und Erfahrung und natürlich davon, wie gezielt man Sprache einsetzen kann. Vielleicht wird man ja in ein paar Jahren ein Max Herre Werk, an Stelle eines von Goethe, in der Schule behandeln. Wir werden sehen.

Text: Simon Schönfeld

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