Die Orsons – Live im Schlachthof Wiesbaden 2019

Es ist Samstag, der 26.10.2019. Heute ist der zweite Tourstop der Band „Die Orsons“. Anfang August ist ihr bisher fünftes Album „Orsons Island“ erschienen. Obwohl dessen Platzierung in den deutschen Charts nicht so gut ausgefallen ist, wie es bei ihrem vorigen Album „Whats Goes“ der Fall war, scheint ihre Musik dennoch immer mehr Menschen zu begeistern. Haben sie bei ihrer letzten Tour im Frankfurter Raum noch in der Batchkapp gespielt – Kapazität c.a. 1500 – füllen sie heute die Halle des Schlachthofs in Wiesbaden, die Platz für bis zu 10.000 Besucher bietet. Bereits einige Stunden vor Konzertbeginn haben sich einige hartgesottene Orsons-Fans vor den Toren niedergelassen. Kurz vor Einlass hat sich bereits eine kaum ersichtliche Schlange vor dem Kulturzentrum gebildet, die auch nach Öffnen der Tore nicht kleiner zu werden scheint. Aber was kann man von einem Orsons Konzert erwarten? 

Seit ihrer Gründung 2008, als Gegenpol der damaligen Raplandschaft, in der Aggro Berlin ganz klar das Zepter in der Hand hielt, wollten sie mit den gegebenen Konventionen brechen. Bunt statt grau. Kitsch statt Machogehabe. Diesem Motto sind sie seit dem weiter treu geblieben. Auch auf ihrem neusten Album hinterfragen sie musikalische Entwicklungen und stellen sich gegen aktuelle Trends, in dem sie zeigen, wie vielfältig und brillant Musik außerhalb von 16er-Hook-Strukturen sein kann. Auch die Videos der neuen Platte sind weit weg vom momentanen „Posen-in-Autos-look“.

Die Orsons sind bunt. Ob im Video zu „Grille“, in dem sie neben Plastikpalmen in einer pinken Sporthalle oder im Video zu „Nimms leicht“ in schimmernden Anzügen vor wilden Visuells rappen. Eins ist klar, das wird kein monotones Konzert vor einem schläfrigen Publikum. Eher eine heftige Party mit viel Konfetti guter Laune.

Als Vorakt begleitet sie in Wiesbaden der Künstler Odd John, der mit seinem rhythmischen Sound das Publikum schonmal etwas aufwärmt. Allerdings merkt man, dass es alle kaum noch erwarten können, das die Orsons gleich die Bühne stürmen. Nach dem 15-minütigen Set geht es dann auch schnell weiter, und die eigentliche Show beginnt. Auf der Bühne baut sich via Luftdruck das Geschöpf auf, dass auch ihr neues Cover ziert. Die Melodie aus ihrem aktuellen Outro „DirDirDir“ ertönt und leitet den ersten Song ein: „Grille“. Die Orsons fackeln eben nicht lange. Keiner in der Menge steht mehr still. Alle springen herum und rappen den Text mit. Ihre Songs wirken Live noch besser und transportieren so viel an Energie und Gefühlen. Die vier harmonieren perfekt und wirken auf der Bühne wie eine Person. Einfach mitreißend.

Natürlich stehen auf der diesjährigen Setlist nicht nur Songs aus dem neuen Album. Die Show, die das Publikum wie in den Kapiteln aus „Orsons Island“ durch das Konzert führt, wurde natürlich mit älteren Klassikern ergänzt, die neben den neuen Titeln wie aus einem Guss klingen. Natürlich fallen einem im Nachhinein noch Lieder ein, die man gerne gehört hätte. Das gibt es immer. Während des Gigs denkt man aber garnicht daran. 

Wieder einmal wird klar, wie viel Gedanken sich die Band um jeden einzelnen Aspekt ihrer Kunst macht. Die Orsons sind eben eine Konzeptband, was aber nicht heißen soll, dass es in der Band keinen Platz für Individualismus gibt. Ganz im Gegenteil. Sie schaffen es, ihre verschiedenen persönlichen Charaktere wie zu einer großen Kunstfigur zusammenzufügen.

Hartgesottene Orsons-Fans werden vielleicht erkannt haben, dass sie sogar ihren Klamottenstil, aus den Videos zu Orsons Island, live beibehalten haben. Maeckes hat sich ja schon vor Jahren für den klassischen Anzug entschieden, für den er, je nach Projekt, eine andere Farbe wählt. Für Orsons Island ist der Anzug rot. So steht er heute auch auf der Bühne. Im Video zu “Bessa Bessa“ sieht man Bartek als eine Art Roboter mit gestreiftem Anzug und Haaren, wie aus Kunststoff. Der Charakter darf natürlich auch auf ihrer Tour nicht fehlen und so steht bei “Bessa Bessa” natürlich auch Roboter-Bartek, mit samt Perücke auf der Bühne. Tua bleibt bei seinen lässigen weiten Hosen, einfachem Shirt bzw. Sweater und einer Jacke darüber. Kaas hat sich natürlich auch wieder, wie zu jedem neuen Orsons-Projekt, sein ganz spezielles Outfit zusammengefügt. Deises mal aus bunter Leggins, Sturmmaske und Goldketten.
Es sind nunmal vier völlig unterschiedliche Charaktere, sie sich Gegenseitig genug Raum zur Entfaltung lassen und die Ergebnisse zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Auf der Bühne findet das alles seine Vollendung.

Das heißt natürlich auch, dass jeder seinen Platz im Rampenlicht bekommt. Während den ersten zwei Strophen von “Feuer & Öl“ steht Tua allein vor dem Publikum, und während Maeckes’ „Partykirche“ heizt Maeckes wiederrum die Menge an. Er „teilt das Meer“ zu einer großen Wall of Death und läuft beim Crip-Walk wie über Wasser. Der Fokus des Publikums ist immer auf dem Kernelement des Songs. Das sind an manchen Stellen eben die Solo-Parts der einzelnen Bandmitglieder und an anderen das Zusammenspiel aus eben diesen. Das Lied „Schneeweiß“ performt Kaas mit leuchtenden skelettartigen Händen und leuchtenden Augen allein auf der nur minimal beleuchteten Bühne. Eine Performance wie sie mitreißender und emotionaler kaum sein könnte.

Tatsache ist, die Gefühle kommen rüber. Die Songs reißen das Publikum mit. Fast jede Hook ist man am springen, am tanzen oder am mitsingen. Die “Orsons Island Tour“ war ein Fest für jeden Konzertliebhaber von einigen der besten (Live-)Künstler Deutschlands.

Text: Simon Schönfeld

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