Cro – tru. / Review

In einer Zeit, in der Deutschrapper, so schnell wie möglich, massentaugliche Musik für Spotify Playlists veröffentlichen, sticht ein Album wie „tru.“ von Cro stark herraus. 17 Lieder (20 bei der Deluxe Version), ein Lied über 12 Minuten lang und eine Gesamtlänge von 85:29 min (96:12 min bei der Deluxe Version) sind alles andere als Standard oder gar auf der Höhe des aktuellen Deutschrap-Zeitgeistes. Cro ist eher höher als alle anderen und damit seiner Zeit um einiges voraus. Wer Cro zusagt, dass er nur ein weiterer Rapper ist, der mit zu vielen Pop-Liedern in den deutschen Radios gespielt wird, liegt spätestens nach „tru.“ falsch. Außerdem sei auch anzumerken, dass man Cro nicht in irgendwelche Schubladen stecken kann. Er macht einfach das, worauf er Lust hat und das merkt man in seinen Liedern.


„Du likest, was ich mach’, oh, ich mach’, was ich like“ – fake you


Man könnte fast sagen, dass Cro der Stanley Kubrick der Deutschrapper ist – der hat sich in seine Filme auch nie reinreden lassen. Wenn eine Musikpassage mehrere Minuten dauern muss, dann dauert es so lange wie es dauert. Wer die Musik fühlt ist gebannt und wer nicht, kann es überspringen. Dem fehlt dann allerdings etwas. Was wäre „2001“ ohne ein Intro dass 25 Minuten komplett ohne Dialog und nur mit Musik und Bilder auskommt? Was wäre „computiful“ ohne einen zweiten Teil, der fast komplett Instrumental gehalten ist? Bis es dann zum Outro kommt und Cro einem wieder ins Ohr flüstert, worum es in diesem atmosphärischen, eigentlich sozial kritischen Lied-Epos geht: Wahre Liebe im Tinder-Zeitalter.

Cro – Computiful (Single Version)

Auch sein autobiografisches Lied „baum“ ist anders gehalten, als es andere Musiker gerne machen. Am Anfang fährt er mit seinem Auto in einen Baum und sieht, in den letzten Augenblicken seines Lebens, sein Leben vor sich vorbei ziehen. Aber nicht unbedingt chronologisch. Er springt eher durch seine eigenen Epochen wild hin und her. Wie es nun mal ist wenn die Gedanken die Führung übernommen haben und es einfach chaotisch ist. Dazu noch ein gitarrenlastiges Outro mit englischen Text, welches ohne Probleme noch mal ein eigenes Lied hätte sein können.

Cro – Baum (Single Version)

Die erste Radio-Single trägt den Namen „unendlich“. Eine Auseinandersetzung seines künstlerisch schaffenden Ichs mit dem Gedanken, irgendwann einmal vergessen werden zu können. Aber so sind Künstler eben. Ihnen reicht nicht aus, dass ihnen tausende zujubeln. Man selbst will nach seinem Ableben ja auch nicht vergessen werden. Die zweite Radio-Single war „todas“ mit keinem geringeren als Wyclef Jean, der bis ende der 90er Jahre bei der erfolgreichen Hip-Hop Band „Fugees“ Musik machte. Er wirkt nicht mal fremd, sondern ergänzt sich super zu Cros Vorstellung einer Party, auf der jeder tanzt und dann aber auch gerne einen ruhigen Moment, außerhalb der Party, für sich selbst hat und sich das Treiben von weitem ansieht.

Cro – Unendlichkeit (Single Version)

Weiter geht es mit Liedern die jeden jungen Menschen thematisch beschäftigen können. Wie baut man sich die perfekte Frau („no. 105“), nach seinen Vorstellungen, nur um dann zu erkennen, dass Perfektionismus keine Lösung für seine Wünsche und Träume ist und auch wenig Raum für wahre Gefühle lassen. Dann die berühmte Frage, warum der Partner immer „noch da“ ist, obwohl man keinen Finger mehr krumm macht und sie dann doch noch im Kopf bleibt, wenn sie dann schon längst weg ist. Oder auch warum man sich der Schönheit so gerne hingibt, obwohl man wahre Schönheit in den Gemeinsamkeiten mit einer Person viel eher findet und erfüllender ist, als ein „paperdream“ aus dem Magazin. Das berühmte „Freundschaft Plus“ Thema wird auch noch behandelt. Zusammen chillen, Netflix gucken und sich „slow down“ näher kommen und es mit jeder Pore genießen. Und natürlich eine „ich muss mal wieder nach Hause zu Mama und Papa“ Hommage, weil man die ganze Zeit unterwegs ist. Der Titel heißt „2kx“. Das „k“ steht für tausend und das „x“ ist einfach eine Variable, da er selbst nicht weiß, wann er mal wieder heim kommt, aber auf jeden Fall in diesem Jahrtausend.

Cro – Noch da

Wenn Cros Alben Bücher wären, die schon viel von ihm preisgaben und schon früh zeigten welche künstlerische Bandbreite der junge Schwabe hat, dann ist „tru.“ sein eigenes „Faust“. In der Deutschrap-Landschaft gibt es kein vergleichbares Album, welches einen solch immensen Umfang bietet wie das Album von Cro. Es sind so viele persönliche Geschichten dabei, die alle so unfassbar gut erzähl sind, egal ob musikalisch oder textlich, dass man angst bekommen könnte, sein zukünftiger Output kann nur noch schlechter werden.

Was ist aber, wenn er jetzt erst richtig anfängt sich als Künstler richtig auszuleben? Wenn er endlich den Ballast, Rapper sein zu müssen, abgelegt hat und das machen kann, zudem sein talentiertes und kreatives Gehirn imstande ist? Wahrscheinlich haben wir zur Zeit den besten Rapper hinter einer Panda Maske, dessen letztes Album außerhalb des Rap-Kosmus leider kaum Aufmerksamkeit bekommen hat. Jeder andere Hip-Hop Journalist ist sich aber einig, dass das Album einen neuen Maßstab geschaffen hat, den wahrscheinlich alle anderen Rapper ignorieren werden, weil man mit so einem künstlerischen, in sich schlüssigen und verwobenen Album kein Geld machen kann. Und Geld ist nun mal alles in dieser Branche.

Text: Robin Fenner

Schreibe einen Kommentar