Pop-Kultur Festival, Kreativität vor Kommerz

Was bedeutet Popkultur?
Laut Wikipedia bezeichnet es „kulturelle Erzeugnisse (…) die als Massenkultur Verbreitung finden“.
Das Pop-Kultur Festival in Berlin, hat da seine ganz eigene Definition geschaffen. Dieses Jahr fand die fünfte Ausgabe des Festivals, auf dem Gelände der Berliner Kulturbrauerei statt.

Auf den ersten Blick wirkt es, wie ein gewöhnliches Festival in Mitten einer Großstadt. Die roten Fassaden der alten Brauerei in Berlin Prenzlauer Berg bieten ein schönes Ambiente und strahlen regelrecht die rote Abendsonne zurück. Im Inneren des Gebäudekomplexes zeigen sich dahingegen moderne Konzerträume mit Platz für die insgesamt 10.000 Besucher. Für das Festival gibt es keine Campingplätze, dafür die üblichen Buden und Foodtrucks auf dem Gelände. Wer sich also vorab nicht mit der Veranstaltung auseinander gesetzt hat, wird denken, er sei auf einem typischen Großstadtfestival.

Beschäftigt man sich dahingegen mit den Hintergründen des Festivals, kommt manch einer aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Die Veranstalter wollen nicht einfach nur Popmusik spielen lassen, sie wollen sie in den richtigen Kontext bringen, sie reflektieren und ihr Raum für Diskusionen geben. Das schaffen sie durch verschiedene Besonderheiten. Beispielsweise werden Künstler*innen aufgefordert, sich, neben ihren Konzerten, auch im Rahmen von Gesprächen oder Workshops in das Festival einzubringen und junge Talente zu fördern. So wird das übliche Programm, neben Konzerten, mit DJ-Sets, Ausstellungen, Installationen, Filmen, Talks und mit Commissioned Works ergänzt.

Commissioned Works – definitiv eine Besonderheit des Festivals. Das sind Auftragsarbeiten, die extra für das Festival entwickelt wurden. Sie sollen in Hinblick auf die Live-Performance, Praktiken der Produktion und Aufführungen fördern.

Und die Veranstalter treffen dadurch einen Nerv. Unsere Musikindustrie bietet kaum Möglichkeiten für junge Künstler*innen, sich auf öffentlichen Bühnen auszuprobieren und diese ganz auf ihre Kunst abzustimmen, ohne den finanziellen Aspekt im Vordergrund zu haben. Möglich wird das ganze hier durch die Förderung der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien (BKM). Also an dieser Stelle, ein großes Dankeschön hierfür! Dadurch wurden dieses Jahr 15 Projekte realisiert.

Solltest du mal auf dem Festival unterwegs sein, schau bei den Commissioned Works vorbei! Es ist spannend zu sehen, wie Artists ihre Musik in Szene setzen und sie, ähnlich wie im Theater, inszenieren. Natürlich sind die meisten Artists danach auch bereit, sich mit dem Puplikum über ihren Auftritt zu unterhalten und zu reflektieren.

Allerdings ist es mit der Nachwuchsförderung des Festivals damit längst nicht getan.

Diese fängt schon Monate vor dem Beginn des Festivals an. Beim Pop-Kultur Nachwuchs Programm. Hier können sich „junge Talente“, wie sie das Festival nennt, auf 250 Plätze bewerben, denen ein einzigartiges Programm geboten wird. In rund 40 Workshops und Netzwerkformaten können sich die Bewerber*innen mit nationalen und internationalen Personen aus Wirtschaft, Politik und der Musikbranche austauschen und von ihnen lernen. Ist man bei dem Programm dabei, hat man die Möglichkeit, sich bereits vorab für die Workshops anzumelden. In diesem Jahr wurden beispielsweise Workshops über Band Photography, Steuerrecht für Musiker*innen und “Feministischen Musikjournalismus” angeboten. Und das ist wirklich nur die Spitze des Eisbergs. In dem Programm findet man nützliche Workshops für jede*n Musikinteressierten. Ob man nun Musiker*in, Booker*in, Journalist*in oder sonst was ist. Das Programm bietet hier eine große Vielfalt. 

Solltest du also zu den glücklichen Teilnehmern gehören, sieht das Festival für dich schon ganz anders aus.

Denn im Gegensatz zu den üblichen Festivalbesuchern, startet dein Tag bereits am Morgen mit einem Kick-Off Event. Meist mit einer kurzen Begrüßung und einem Live-Interview mit internationalen Künstler*innen. Anschließend startet das Workshop-Programm bis zum Nachmittag. Da natürlich auch das Programm sehr breit gefächert ist, trifft man bei jedem Workshop neue Leute aus unterschiedlichen Bereichen.

Es soll aber natürlich nicht bei einem einmaligen Treffen bleiben. Hier offenbart sich der dritte Schwerpunkt des Festivals, das Netzwerken. Denn das „PopKultur“ bemüht sich langfristig, ein internationales Netzwerk aus Kreativen Köpfen der Musikszene zu schaffen. Bereits Wochen vor dem Festival haben die Teilnehmer*innen des Nachwuchs-Programms, auf der Festival eigenen Seite die Möglichkeit, die eigens von den Teilnehmer*innen erstellten Profile anzusehen. So können sie sich bereits vorab mit Teilnehmer*innen, mit denen man eventuell partizipieren oder sich einfach austauschen möchte, in Kontakt setzen und auf dem Festival verabreden.

Die Festival eigene Networking-Area lädt nach dem Programm am Tag dazu ein, sich mit neuen Bekanntschaften zu treffen, gemütlich den ein oder anderen Drink zu genießen und sich weiter auszutauschen. 

Die Community, die sich in der kurzen Zeit aufbaut, ist großartig! Zwei Tage nach Beginn des Programms scheint es, als würden sich alle kennen. Die Teilnehmer*innen sind nicht nur zusammen auf Workshops. Sie sehen sich beim Mittagessen, bei einen Drink im Networking Bereich und wenn sie gemeinsam auf Konzerte gehen. Manche mieten sich sogar eigens für die vier Tage eine gemeinsame Wohnung, auch wenn sie sich kaum kennen. Alle verbindet eine Passion. Musik. 

Für die Künstler aus dem Nachwuchs Programm hat das Festival sogar eine eigene Bühne bereitgestellt, die für alle Festivalbesucher zugänglich ist. Und die ist wirklich zu empfehlen! Artist die hier performen, freuen sich monatelang auf ihren Auftritt. Es ist nicht selten ihr erster Auftritt vor so einem großen Publikum und den Elan, aber vor allem auch den Spaß, den sie auf der Bühne haben, ist nicht zu übersehen. Sie sind dankbar für diese Chance, nutzen sie und geben wirklich alles! Beim Nachwuchs scheinen Genregrenzen völlig zu verschwinden. Die Künstler*innen scheinen ihre Kunst selbst kaum in Genres zusammenfassen zu können. Bei der Frage, welche Musik sie machen, kommen Formulierungen wie „Antischlager“ und „Deutsch-Pop-Folk“ zustande. In Wirklichkeit ist das aber nur der Versuch, ihre Kunst in veraltete und ungeeignete Kategorien einzuteilen. Hier überschreiten Künstler*innen Genregrenzen. Nicht nur während ihres Sets, sondern auch in einzelnen Songs. Die Vielfalt in ihren Auftritten wirkt beinah wie ein Konzept, dass alles zu einem Gesamtwerk zusammenfügt. Dabei ist es nur ihre künstlerische Ungebundenheit, mit der sie sich selbst in ihrer Kunst ausleben lassen.

Die Musik auf dem PopKultur Festival, ist keine 0815 Radiomusik. Die Veranstalter machen Popmusik zu etwas Einzigartigem. Sie geben jedem Artist individuellen Raum. 

Künstler werden nicht aufgrund ihrer Bekanntheit oder ihrer Wirtschaftlichkeit gebucht, sondern einzig durch ihr kreatives Schaffen. Zudem fördert das Pop-Kultur Festival junge Kreative wie wohl kein zweites Festival in Deutschland. So sollte Nachwuchs-Förderung aussehen! Lernen aus erster Hand. Weiter so Pop-Kultur-Team und hoffentlich auf weitere fünf Jahre PopKultur Festival!

Text: Simon Schönfeld

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