MS Dockville – Festivalbericht

MS Dockville 2019 Artwork

– oder mein erster ultimativer Festivalwahnsinn

Ich bin Jungfrau!
Also jetzt nicht mehr – denn ich war vor kurzen auf meinem ersten Festival… mit Mitte 20. Seit 2007 findet das etwa 20.000 Besucher starke MS Dockville in Hamburg statt und hat mich dieses Jahr quasi entjungfert.

Als Frankfurter kennt man nur die Stadt und ist – zugegebenermaßen – eher selten, ausgerüstet mit Konservendosen und Toilettenpapier, in der Natur unterwegs. Eine Reise nach Hamburg zu einem Festival, bei dem ich gar keine Ahnung habe was ich alles brauchen könnte, wäre alleine fatal gewesen. Daher habe ich mir einen Festival-Experten gesucht und ihn in meinem Spotlight-Kollegen Simon, gefunden. Zusammen sind wir mit dem Auto von Frankfurt nach Hamburg gefahren. Sechs Stunden! Damit wir das Festival von Anfang an genießen konnten, sind wir einen Tag vorher angereist. Zusätzlich konnten wir so noch ein wenig über die Reeperbahn schlendern und die letzte Nacht in einem Hotelbett schlafen.

Unser Camping-Platz

Donnerstags ging’s dann los zu unserem Auto in Hamburg-Wilhelmsburg, das wir in der Vornacht ca. 20 Minuten vom Festivalgelände entfernt geparkt hatten. Wer sich mit nützlichen Werkzeug (hauptsächlich Tape) und essen eingedeckt hat, flucht zwar, dass alles schleppen zu müssen, hat aber dafür ein entspannteres Campingerlebnis. Ich für meinen Teil, hatte nur reichlich Hygiene-Artikel und eine Ladung Nüsse im Schlepptau (Wie gesagt, Jungfrau). Dank Simons Expertise hat es aber an nichts gemangelt: genug Essen, ein Pavillon gegen Hamburgs Schietwetter und reichlich Bier für gute Stimmung.

Mit einem Sackkarren ist das Schleppen theoretisch einfach. Praktisch kommen jetzt aber noch Kies und unebener Rasen dazu, was das Ziehen von gefühlten 200 Kilo Gepäck etwas unangenehm macht. Sagen dir dann noch sechs Gruppen nacheinander, dass man sich neben ihnen nicht ausbreiten darf, hat man keinen Bock mehr. Vor allem, wenn man schon das halbe Camping-Gelände abgelatscht ist. Die Ausrede war auch immer die selbe: “Ne sorry. Hier ist schon reserviert!” Oder man sieht, ähnlich wie auf Malle, nur Schlafsäcke rum liegen, die markieren, “Hier liege ich. Verzieh dich!” Und ich dachte immer, Festival-Menschen sind voll die sozialen Menschen… Toller erster Eindruck Dockville Festival! Gefühlt war es auch der heißeste Tag in Hamburg, was unsere Gemüter auch etwas erhitzen ließ. Irgendwann, nach gefühlten Stunden der Suche, haben wir uns niederlassen können. Im Camping-Bereich V2 schienen die Menschen dann doch sozialer zu sein und wurden am Ende sogar sehr geile Nachbarn!

Yassin auf der Butterland-Bühne

Den ersten Abend eines Festival wird man niemals vergessen! Oder wie das Sprichwort geht. Auf jeden Fall werde ich ihn nie vergessen und das aus zwei Gründen:
1. Es ist mein erster Abend, quasi meine Entjungferung.
2. Ich bin beim ersten Moshpit, von den Klängen von Yassin und dem Lied “JAWOLL ALDER”, schön in einer Kuhle umgeknickt… Jawoll Alder!! Allerdings klingt das alles dramatischer als es wirklich ist. Ich konnte trotzdem noch weiter feiern, auch wenn ich etwas eingeschränkt war, zusätzlich war es auch eher ein Bio-Moshpit (Wortkreation von Nura). D.h. dass alle miteinander springen, statt gegeneinander, wie ich es sonst von Punk-Konzerten kannte. Der erste Abend hat trotzdem mega Spaß gemacht. Vor allem wegen Yassin! Die Lieder die er live gespielt hat, animieren einen stark einfach mitzumachen. Auch wenn ich grad umgeknickt bin, will ich dennoch mit in der Menge sein und die positive Energie der Menschen aufzunehmen und mich von der geilen Musik treiben lassen. Das hab ich dann auch getan und meinen Knöchel auch schnell wieder vergessen.

Zu den vielen Liveacts sind auch etliche Kunstwerke, geschaffen von verschiedenen Künstlern aus der ganzen Welt, auf dem Festivalgelände verteilt. Einige Werke sieht man sofort und springen einen direkt ins Auge, die anderen sind so gut in Bäumen und ihrer Umgebung versteckt, dass man fünfmal hinsehen muss um sie zu entdecken. Wer (ähnlich wie ich) kaum Essen dabei hat und auf dem Gelände essen will, der wird nicht enttäuscht… außer von den Preisen. Einen sehr guten Lachsdöner bekommt man für satte 8€. Eine kleine Pizza kostet stolze 9€. Ein weiterer Dönerstand mit einem Käsespieß statt Fleisch, den jeder Käseliebhaber unbedingt(!) essen muss, kostet auch seine 7€. Ich kann jetzt sehr gut nachvollziehen weshalb erfahrene Festival-Gänger kiloweise Dosenravioli auf’s Camping-Gelände mitnehmen.

Insgesamt gibt es 11 Bühnen, davon sind die drei Hauptbühnen in einer Reihe hintereinander aufgestellt und können so kinderleicht ca. 20.000 Besucher bespaßen. Der Act mit dem größten Namen ist natürlich die 17-jährige Billie Eilish und wahrscheinlich der Grund, warum die meisten Menschen hier sind. Die hat aber auch gut abgerissen! Ihre Lieder funktionieren erstaunlich gut live und keiner in der Menge stand stil. Auch bei Juju, Mine, Aurora und Nura sind die Plätze vor der Bühne vergleichbar schnell vergeben. Dazu kommt noch eine Abriss-Party Deluxe von den Drunken Masters, die kurzfristig für Karate Andi eingesprungen sind. Ich kannte die Jungs auch nur durch einige Produktionen für etliche Deutschrapper, jetzt kenn ich sie auch noch durch ihre krassen DJ-Skills. Special-Guest war Felly, der für ein paar Lieder mit auf der Bühne und mit dem Publikum zusammen ausgerastet ist. Des Weiteren noch, eine halbe Comedy-Show von unseren Liebings-Frankfurter Jungs Celo&Abdi und einen sehr sympathischen Auftritt von Ahzumjot. Weitere Künstler die ich neu kennengelernt habe und die ich mir wahrscheinlich noch weiter anhören werde, sind Lary und Monolink. Die musizieren fern ab von Hip-Hop und gaben mir trotzdem auf ihre Art und Weise eine entspannte und emotionalen Auftritt. Wer mich enttäuscht hat, weil ich einfach viel von denen erwartet habe, sind Bausa und Rin. Die zwei kommen aus Bietigheim-Bissingen und sind eigentlich dafür bekannt Party zu machen, oder zumindest die Musik dafür spielen zu lassen. Hier kommen wir zum Knackpunkt, sie ließen wirklich nur die Musik spielen, bewegt hat sich keiner von den wirklich, vielleicht mal ein Hopser. Viel Interaktion mit dem Publikum gab es auch nicht wirklich. Am letzten Abend gibt es noch eine DJane-Party mit Hoe_Mies, die nichts anbrennen lassen. Die legen ähnlich stark auf wie die Drunken Masters, allerdings mit dem Zusatz, dass sie Tänzerinnen am Start haben. Geiles Ende, eines Geilen Festivals!

Wer allerdings abseits des Festivals noch in der Nacht weiter feiern will, der findet auch auf dem Dockville sein Spaß. Es gibt mehrer Techno-Floors, die je nach Location entweder härter (z.B. in einem Container) oder auch ruhiger und fast schon psychedelisch (z.B. im Mini-Wald) sind. Dazu kommt noch ein Zelt, das die schönsten und auch schlimmsten 90er Hits spielt und hier und da Mini-Floors, die auch Pop-Charts rauf und runter spielen.

Fazit

Alles in allem war es ein sehr schönes, erstes Festival für mich. Auch wenn es ertsmal etwas ernüchtern war, mit dem ganzen schleppen, aufbauen, abbauen, Futtersuche ect., hat sich die ganze Arbeit irgendwie doch gelohnt. Ich bin froh, dass das Dockville mein erstes Festival war! Die Menschen waren alle sehr freundlich und hilfsbereit, auch wenn sie anfangs etwas schroff wirkten. Es gab nur ein oder zwei Künstler die mich nicht ganz abgeholt- und mich etwas enttäuscht haben. Die meisten haben meine Erwartungen vollends erfüllt, oder mich sogar positiv überrascht. Auch wenn ich nichts gegen den Regen habe, hat er mir dennoch einen von 4 Abenden etwas versaut. Sonst nieselte es immer nur kurz am Morgen und tagsüber schien die Sonne. Trotz des ganzen Spaß, wäre es wahrscheinlich geiler gewesen, wenn mehr Acts da gewesen wären, die ich auch kenne und selbst höre. Aber so habe ich viele neue Künstler gesehen, die ich wahrscheinlich sonst nie hören würde. Dafür sind schließlich Festivals da – glaub ich – dass man neues sieht, schmeckt, hört, fühlt und erlebt.

MS Dockville, ein Festival für alle Sinne!

Text: Robin Fenner

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